Der Konflikt um die historische Erinnerung in Europa

Das tragische 20. Jahrhundert tritt leider nicht so rasch von der Bühne der Geschichte ab, wie wir es gerne hätten. Statt dessen wird die Gegenwart von der jüngeren Vergangenheit immer wieder eingeholt. Anstatt allmählich zu verblassen, wird die Erinnerung an Krieg und Kommunismus in jüngster Zeit zunehmend zum Gegenstand verbissener Auseinandersetzungen. Dies hängt u.a. mit der größeren Freiheit in Europa zusammen. Denn die spezifischen historischen Erfahrungen der neuen EU-Mitglieder und derjenigen Länder, die der EU zwar noch nicht beigetreten sind, aber ihre völkerrechtliche Souveränität längst wiedererlangt haben (z.B. die Ukraine), verbinden sich nun mit dem main stream der gesamteuropäischen Debatte. Unterschiedliche Narrationen zum 20. Jahrhundert – West- und Ostmitteleuropa, Russland, Deutschland, Holocaust – nehmen den Dialog auf und begeben sich damit mitten in den öffentlichen Streit um die Erinnerung.

Zwei rote Fäden sind in dieser Debatte untrennbar miteinander verknüpft: die historische Aufarbeitung der kommunistischen Ära und die Interpretation des 2. Weltkrieges.

Wie kompliziert diese Thematik ist, zeigt allein schon die europaweite, lebhafte Diskussion über das „Schwarzbuch des Kommunismus”, das inzwischen in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Interessanterweise verlief die Debatte über das „Schwarzbuch“ in jedem Land unter anderen Akzenten. In Frankreich z.B. geriet sie zur öffentlichen Abrechnung mit großen Teilen der politischen Linken, denen man Blindheit und Gleichgültigkeit gegenüber den kommunistischen Verbrechen vorgeworfen hat. In Ostmitteleuropa löste das „Schwarzbuch” hingegen nicht so große Kontroversen aus. Dennoch lieferte es die Bestätigung für die These, dass dieser Teil des europäischen Kontinents zwei feindlichen Großmächten zum Opfer gefallen war, zu denen auch die Sowjetunion gehörte. In Deutschland nahm die Diskussion über das „Schwarzbuch“ einen ganz eigenen Verlauf und kreiste nach Auffassung zahlreicher Beobachter vor allem um die Frage nach der deutschen Identität.[1]

In ähnlicher Weise hat auch die unterschiedliche Interpretation des 2. Weltkrieges immer wieder Zündstoff für erregte öffentliche Auseinandersetzungen geliefert. Dies zeigte sich z.B. im Jahre 2005 anlässlich der von Präsident Putin in Moskau ausgerichteten Staatsfeiern zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, die ganz bewusst an stalinistische und imperiale Traditionen anknüpften. Der Streit um die Bedeutung des 2. Weltkrieges setzte übrigens bereits am 8. Mai 1945 ein. Er wurde also nicht erst nachträglich von den Historikern inszeniert, sondern von Stalin selbst eingeleitet.

Die sowjetisch-russische Narration

Die stalinistische Ideologie vom „Großen Vaterländischen Krieg” war integraler Bestandteil einer totalitären und imperialen Doktrin. Die UdSSR präsentierte sich als Land, das die höchsten Kriegsverluste hatte hinnehmen müssen und den größten Anteil am Sieg über Hitler gehabt hatte. Stalin wollte sein Land als konsequentesten Feind des Nationalsozialismus hinstellen, um trotz des gemeinsamen Kampfes mit den Westmächten noch genügend Freiraum für eine antiwestliche und antikapitalistische Propaganda zu haben. Der bezwungene „Faschismus” wurde daher als Produkt des Kapitalismus beschimpft („Faschismus als Endphase des Imperialismus”). Der „kapitalistische“ Westen konnte gemäß dieser Logik nicht so eindeutig gegen Hitler eingestellt sein wie die Sowjetunion.

Mit Hilfe des Schlagworts vom „Großen Vaterländischen Krieg“ begründete Stalin auch seine Eroberungsfeldzüge in Ostmitteleuropa. Die sowjetische Propaganda und die mit ihr verbundene Geschichtspolitik waren bestrebt, sämtliche Unabhängigkeitsbewegungen in diesem Teil Europas als bedrohliche Erscheinungen eines anarchisch akzentuierten, aggressiven Nationalismus zu desavouieren. Zu diesem Zweck stellte man die Nationen in diesem Raum oftmals als natürliche Bundesgenossen Hitler-Deutschlands hin. Erreicht wurde dieser Propagandaeffekt zumindest bei den Nationalbewegungen in der Ukraine, Weißrussland und Litauen, die sich in Reaktion auf die dort begangenen sowjetischen Verbrechen zum Zeitpunkt der Besetzung durch das Dritte Reich herausgebildet hatten. Dabei machte sich Stalin auch die weitgehende Ignoranz der westlichen Öffentlichkeit zunutze.

Die Narration des Westens

Das im Westen vorherrschende Bild hinsichtlich des 2. Weltkrieges geriet mit der sowjetisch-russischen Geschichtsauffassung eigentlich nie in direkten Konflikt. In der Regel kursierte die Vorstellung, dass beide Seiten zunächst das Dritte Reich gemeinsam bezwungen hatten und dann über die Aufteilung der Früchte dieses Sieges in Streit geraten waren. Für den Westen blieben die Länder Ostmitteleuropas durch den Eisernen Vorhang eigentlich unsichtbar, so dass ihre Stimme beinahe unbemerkt verhallte. Die Militärgeschichte des 2. Weltkrieges begünstigte eher die Geschichtsdeutung des Kremls. Es schien, als ob Stalin niemals an Hitlers Seite gegen den Westen gekämpft hatte, wobei bloße „Episoden“ wie z.B. die Ereignisse vom September 1939 stillschweigend übergangen wurden. Die gigantischen Schlachten der UdSSR (z.B. Kursk oder Stalingrad) machten auf den Westen enormen Eindruck und verliehen den sowjetischen Kriegsanstrengungen eine außergewöhnliche Bedeutung. Die UdSSR erschien daher in Paris, London und Washington als unbestechliche alliierte Großmacht, die sich die größten Verdienste im Krieg gegen die Nationalsozialisten erworben hatte, obgleich das Land nicht keine großen Sympathien genoss. Unbedachterweise akzeptierte man im Westen die offizielle Zahl von 20 Millionen „sowjetischen Kriegsopfern”. Dabei wurde nicht danach gefragt, wie viele Russen, Weißrussen, Ukrainer und Usbeken sich in dieser Gesamtzahl verbargen und wie eine objektive Statistik zu den litauischen, lettischen und estnischen Kriegsopfern eigentlich aussehen müsste. Im Westen kam nach 1945 niemand auf den Gedanken, die von sowjetischer Seite präsentierte, symbolische Gesamtsumme der Kriegsopfer in den einzelnen Ländern ernsthaft anzuzweifeln. Denn damit wäre zugleich auch die staatliche Existenz der Sowjetunion in Frage gestellt worden. Dies erschien im Zeitalter des Kalten Krieges ebenso gefährlich wie unrealistisch und musste später, in der Ära der Abrüstung, wie eine unangemessene politische Geste wirken.

Ostmitteleuropa meldet sich zu Wort

Als sich die sowjetische und die westlichen Geschichtsinterpretationen nach 1945 herausbildeten, blieb Ostmitteleuropa zwangsläufig ganz im Schatten des historischen Diskurses. Erst durch die epochale Revolution von 1989 gewannen die Ostmitteleuropäer ihre souveräne Stimme in der politischen Debatte auf dem Kontinent zurück. Daher ist es keineswegs verwunderlich, dass seit diesem Zeitpunkt auch neue Narrationen zur Geschichte des 20. Jahrhunderts entstanden, was insbesondere den 2. Weltkrieg und die kommunistische Herrschaft in Ostmitteleuropa in ein helleres Licht rückte. Aber worin unterscheiden sich die ostmitteleuropäischen Erfahrungen eigentlich vom übrigen Kontinent? Vor welchem neuen Paradigma steht die historische Erinnerung in Europa, wenn die Geschichte Ostmitteleuropas in größerem Maße als bisher berücksichtigt wird?[2]

Diese gesamteuropäischen Bewusstseinsprozesse spielen sich vor dem Hintergrund der äußerst unterschiedlichen historischen Erfahrungen West- und Ostmitteleuropas ab. Denn die Geschichte in beiden Teilen des Kontinents ist derart anders verlaufen, dass auch die historische Wahrnehmung im Westen und Osten Europas sehr uneinheitlich ist, vom Konflikt mit der sowjetischen Geschichtsdeutung ganz zu schweigen.

            Der Krieg in Ostmitteleuropa war zweifellos blutiger und hat weitaus mehr Opfer gekostet als im westlichen Teil des Kontinents. Die Grausamkeiten und das Unglück, das Juden, Polen, Litauer, Ukrainer und die Sinti und Roma dort erlitten, wären in Frankreich oder Holland unvorstellbar gewesen.

            Während Westeuropa „nur“ unter den Kriegseinwirkungen des NS-Regimes zu leiden hatte, musste Ostmitteleuropa außer der deutschen auch die sowjetische Besatzungsherrschaft ertragen. Die Völker Ostmitteleuropas waren nicht nur Leidtragende des von Hitler geführten Krieges, sondern fielen ebenso und oftmals sogar in noch höherem Maße dem Kommunismus zum Opfer. Die westlichen Gesellschaften haben die stalinistische Variante der Unterdrückung also nie kennen gelernt, so dass sie teilweise den schillernden Illusionen der kommunistischen Utopie verfielen.

            Die vier Jahrzehnte nach Kriegsende vertieften diese Unterschiede nur noch mehr und festigten zugleich bestimmte nationale Stereotype aus dem 19. Jahrhundert. Ostmitteleuropa verlor abermals seine Souveränität. Der Westen verfügte dort nicht über politisch souveräne Partner und musste sein Augenmerk aufgrund der sowjetischen Dominanz in diesem Teil Europas zwangsläufig auf Moskau lenken. Weite Teile der westeuropäischen Linken hielten die Nachrichten über stalinistische Verbrechen für Auswüchse eines „krankhaften Antikommunismus“. Den Völkern des Ostblocks blieb diese Wahrheit lange Zeit verborgen. Und unter den Auspizien einer weltweiten Entspannung wollte kaum ein Staat den Kreml mit dieser unbequemen Geschichte konfrontieren. Erst das Epochenjahr 1989 rief die heiklen historischen Themen auf die politische Tagesordnung zurück.

Wie schwer die Erinnerung an diese Themen auch heute noch fällt, zeigt z.B. der öffentliche Streit, den die Rede der lettischen Außenministerin Sandra Kalniete bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse im Jahre 2004 hervorgerufen hat. Frau Kalniete wies damals auf folgende Grundzusammenhänge hin:

„Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Europa durch den Eisernen Vorhang entzweigeschnitten, was die Völker Osteuropas nicht nur versklavte, sondern auch ihre Geschichte aus der Gesamtgeschichte des Kontinentes herausradierte. Europa hatte sich eben erst von der Plage des Nazismus befreit; und es war nach dem Blutbad des Krieges nur sehr verständlich, dass nur wenige Menschen die Kraft hatten, der bitteren Wahrheit ins Auge zu blicken; sie konnten nicht mit der Tatsache umgehen, dass der Terror in der einen Hälfte Europas weiterging, wo hinter dem Eisernen Vorhang das Sowjet-Regime weiter Genozide an den Völkern Osteuropas verübte und sogar am eigenen Volk.

Über 50 Jahre lang ist die Geschichte Europas geschrieben worden, ohne dass wir daran teilnehmen konnten, und die Geschichte der Sieger des Zweiten Weltkrieges teilte, nur zu typisch, alles und jeden nach Gut und Böse, nach Richtig und Falsch. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erhielten die Forscher einen Zugang zu den archivierten Dokumenten und Lebensgeschichten der Opfer. Diese belegen, dass beide totalitäre Regime – Nazismus und Kommunismus – gleich kriminell waren.“[3]

Trotz des von Jürgen Habermas vorgeschlagenen „antitotalitären Konsenses” in der Debatte zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit stieß die Rede von Frau Kalniete in weiten Kreisen der Öffentlichkeit eher auf Unverständnis und Ablehnung.

Die von Stalin begangenen Verbrechen sind heute für die Fachhistoriker natürlich nichts Neues mehr. Sie tragen die Merkmale von Kriegsverbrechen und Völkermord. Die Erinnerung daran ist jedoch in politischer Hinsicht recht schwierig, da es derzeit in Russland keine breite öffentliche Debatte zur historischen Aufarbeitung der stalinistischen Ära gibt. Wenn wir Russland als integralen Bestandteil Europas ansehen, müssten wir dann von diesem Land nicht auch die gleiche Art von Vergangenheitsbewältigung erwarten dürfen, wie sie in Deutschland vollzogen wurde bzw. in zahlreichen europäischen Staaten noch im Gange ist? Derartige Anforderungen stellt man heute an Serbien und Kroatien und auch an die Türkei. Zumindest die demokratischen Eliten Russlands spüren die Notwendigkeit einer solchen Aufarbeitung der eigenen Geschichte deutlich.

Die Annahme eines „antitotalitären Konsenses” würde bedeuten, dass der 2. Weltkrieg letztendlich nicht von zwei, sondern drei Kampfparteien geprägt wurde. Stand Stalin in diesem Krieg wirklich ganz auf der Seite der westlichen Demokratien? Gab es zwischen 1939 und 1945 nicht vielmehr drei gegnerische Parteien – zwei totalitäre Regime und der Westen? Waren die Kriegsziele Stalins und der Westmächte wirklich identisch? Der sowjetische Diktator galt bis Juni 1941 als der „beste Bündnispartner Hitlers“. Danach wurde er offiziell zum Bundesgenossen des Westens, aber bereits 1943 tauchten erstmals erhebliche Zweifel an Stalins Loyalität auf. Premierminister Churchill fürchtete hingegen nichts mehr als einen Separatfrieden zwischen dem Dritten Reich und der Sowjetunion. Das zu diesen Vorgängen inzwischen angesammelte Faktenmaterial ist enorm. Dennoch werden sich die gängigen Geschichtsauffassungen auch weiterhin nicht ändern, wenn sich die in der Öffentlichkeit immer noch dominierenden Bilder über die Vergangenheit nicht wandeln.

            Aber auch Symbole sind wichtig. Jeder von uns hat sicherlich schon wiederholt sowjetische Soldatenfriedhöfe besucht. Auf allen Gräbern ist der rote Stern zu sehen. Hingegen gibt es keine Kreuze oder andere Zeichen, die Auskunft über das religiöse Bekenntnis der Gefallenen geben würden. Wie viele der Soldaten waren orthodoxen Glaubens, Katholiken, Unierte, Moslems oder Juden? Sogar noch nach dem Tod sprach man ihnen eine persönliche Identität ab. Wie sollte also ein europäischer Friedhof für im 2. Weltkrieg gefallene Soldaten eigentlich aussehen?

Die notwendige Konfrontation mit den spezifischen Geschichtserfahrungen der neuen EU-Mitglieder betrifft aber nicht nur Russland, sondern auch Deutschland. Die in der Zeit des Kalten Krieges entstandenen Interpretationsansätze müssen in vielen Punkten neu überdacht und teilweise erweitert werden. Dabei ist die objektive historische Einordnung des Hitler-Stalin-Pakts vom 23. August 1939 von zentraler Bedeutung. Obwohl in der Öffentlichkeit immer wieder an dieses Abkommen erinnert wird, nimmt dieses Datum in der europäischen Erinnerungskultur längst nicht den ihm gebührenden Rang ein. Das deutsch-sowjetische Abkommen von 1939 wird in seiner historischen Bedeutung also immer noch unterschätzt, obgleich es ganz Ostmitteleuropa in das Chaos eines Weltkrieges stürzte und das Schicksal dieser Großregion über vier Jahrzehnte lang vorherbestimmte. In Bezug auf seine weitreichenden Folgen hörte der Hitler-Stalin-Pakt eigentlich erst durch die Epochenwende von 1989 auf zu existieren.

Von der Erinnerung an den Holocaust zur historischen Aufarbeitung des 20. Jahrhunderts – Aussöhnung und europäische Integration

 

Wie ein bekannter deutscher Historiker bereits vor einigen Jahren treffend feststellte, stehen die Zeit des Nationalsozialismus und vor allem der Holocaust zweifellos im Mittelpunkt der zeitgenössischen Erinnerungskultur in Deutschland.[4] Dieses Urteil kann man verallgemeinern. Denn der Holocaust sollte auch in der europäischen Erinnerungskultur einen zentralen Rang einnehmen.

Das Phänomen des Holocausts trägt sicherlich maßgeblich dazu bei, dass man den 2. Weltkrieg immer mehr mit den Augen der Opfer und nicht aus dem Blickwinkel militärischer Auseinandersetzungen oder politischer Ereignisse betrachtet. Das Gedenken an den Holocaust verbietet sämtliche Tendenzen einer Heroisierung des Krieges, die von den nationalen Historiographien so gerne betrieben wurde. Nur eine derart geläuterte Geschichtsschreibung kann der Verständigung unter den Völkern Europas wirklich dienen. Denn das Leid der Opfer in allen vom Krieg betroffenen Ländern kann nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Gerade wenn man sich dieses Leid in seiner ganzen Tragik bewusst macht, bringt man die verfeindeten Seiten einander näher und trägt zu ihrer Aussöhnung bei.[5] Das historisch einzigartige Leid der Juden gibt dabei besondere Hinweise…

Bezeichnenderweise steht die sowjetisch-russische Narration fast in offenem Konflikt zur öffentlichen Erinnerung an den Holocaust. Denn sie geht von einer anderen Opferhierarchie aus und greift auch zu einer völlig anderen Sprache. Im gesamten Ostblock und insbesondere in der UdSSR wurde der Ausnahmecharakter der Kriegsverbrechen an der jüdischen Bevölkerung permanent verschwiegen, da dies in unauflöslichem Widerspruch zur Leidensmartyrologie des „sowjetischen Volkes“ gestanden hätte. Aber auch unter dem Begriff „Kriegsopfer“ verstand man etwas völlig anderes. Die monumentale Heldenpropaganda der UdSSR malte das Bild der sich im „Großen Vaterländischen Krieg“ aufopfernden Sowjetbürger in erhabener Pose. Die Opfer des Holocausts wurden hingegen als wehrlose und passiv dem Tode ausgelieferte Menschen dargestellt.[6]

Die Abrechnung mit der „bösen Geschichte” ist wohl eines der wesentlichsten Elemente der europäischen Historiographie und wird vom historischen Kollektivbewusstsein der meisten Völker Europas ausdrücklich gefordert. Die Tragödien im Europa des 20. Jahrhunderts – Kriegsverbrechen und Völkermord – verleihen der Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit ein geradezu universales Ausmaß, das sich auf den gesamten Kontinent erstreckt. Ein unübertroffenes Beispiel bildet dabei der Holocaust als großer Topos der zeitgenössischen Geschichtsschreibung, der immer noch Fragen nach den Ursachen dieses „zivilisatorischen Zusammenbruchs“ aufwirft.

An die umfassende Aufarbeitung der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gehen die nationalen Historiographien sehr unterschiedlich heran. In Großbritannien z.B. gab es im Gegensatz zu Deutschland niemals dringenden Bedarf an der historischen Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit. Für Frankreich hingegen ist das Problem der „Kollaboration“ des Vichy-Regimes nicht so bedeutend, als dass es nicht verschwiegen werden könnte. Und dies trotz gewisser Nachkriegsepisoden wie der gerichtlichen Verurteilung des Kriegsverbrechers Maurice Papon. Den Schweizern mag der Raub des jüdischen Goldvermögens im Krieg und dessen Hinterlegung in einheimischen Banken heute noch gewisse Kopfschmerzen bereiten, aber von außerordentlicher Brisanz ist diese Frage nicht. Ähnlich verhält sich die Lage in Italien in Hinblick auf die faschistische Ära der Jahre 1922-1943. Die Italiener, Franzosen, Briten oder Belgier mögen sich vielleicht sporadisch mit einzelnen Fragmenten ihrer Nationalgeschichte näher auseinandersetzen (z.B. Kolonialismus). Dies führt aber nicht dazu, dass die eigene Kollektividentität kritisch hinterfragt wird.[7]

            Völlig anders stellt sich hingegen die Situation in Ostmitteleuropa und in Deutschland dar, obwohl auch hier genau zu differenzieren wäre. Die historische Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit nimmt dort nämlich einen weitaus größeren Stellenwert ein und steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Debatte um das nationale Kollektivbewusstsein.

            Das deutsche Modell der Vergangenheitsbewältigung und die damit verbundene selbstkritische Grundhaltung enthalten eine universale Botschaft. Die konsequente Umsetzung dieses Modells fällt den Deutschen sicherlich schwer. Gleichwohl stellt sie ihnen als politischer Gemeinschaft ein mustergültiges Zeugnis aus, da diese Gemeinschaft bereit ist, die Verantwortung für die Lasten der jüngeren Vergangenheit zu tragen.[8] Darüber hinaus eint die Deutschen aufgrund der Erfahrung der DDR-Geschichte eine Schicksalsgemeinschaft mit dem östlichen Europa.

In Ostmitteleuropa beruht die Vergangenheitsbewältigung vor allem auf der Aufrechnung der Opfer und des Unrechts, das den dort lebenden Völkern von anderen Nationen zugefügt wurde. Etwas mehr historisch begründete Selbstkritik wäre auch in diesem Teil Europas sicherlich angebracht. Die Aufarbeitung der Vergangenheit betrifft einen Zeitraum, in dem den Völkern Ostmitteleuropas ihre staatliche Unabhängigkeit geraubt wurde, so dass sie als politische Gemeinschaften völlig handlungsunfähig waren. Die Vergangenheitsbewältigung im östlichen Europa zielt inzwischen auf die Wiedererlangung des historischen Kollektivgedächtnisses ab, wobei dessen „weiße Flecken“ nach und nach auszufüllen sind. Gemeint sind die Probleme, die von einer von außen aufgezwungenen Staatsmacht mit einem strikten Erinnerungsverbot belegt wurden. Denn vor 1989 hatte sich dieses Kollektivgedächtnis in den verschiedensten gesellschaftlichen Nischen und in literarischen Metaphern bzw. individuellen Erinnerungen verborgen. Es geht also darum, die einst nur im Gedächtnis einzelner Menschen oder Familien und in geschlossenen sozialen Milieus präsente Geschichte im öffentlichen Raum näher zu beleuchten.

Der Kommentator einer renommierten deutschen Tageszeitung wies unlängst darauf hin, dass erst der europäische Integrationsprozess nationale Schuldbekenntnisse verschiedenster Intensität ermöglicht habe. Dadurch könne der gesamte Kontinent seinem gemeinsamen historischen Bestimmungsort schrittweise entgegengehen. Dieser Auffassung ist uneingeschränkt zuzustimmen. In einem Nachsatz klagt der Autor des besagten Kommentars jedoch, dass die Stellungnahmen der Ostmitteleuropäer auf diesem Weg eher schädlich seien.[9] Aber wird dieser Vorwurf der Wirklichkeit gerecht?

Im Blick auf die gelungene Integration der Bundesrepublik im Westen und die deutsch-französische Freundschaft mag das ständige Herumwühlen in der Geschichte des 2. Weltkrieges und des Kommunismus einem westlichen Beobachter vielleicht überflüssig erscheinen. Die Diskussion über die Rolle bzw. Verantwortung für die kommunistische Zwangsherrschaft wird immer noch oftmals als unnötige Belastung der Beziehungen zu Russland angesehen. Die Völker Ostmitteleuropas haben aber 1989 endlich wieder ihre öffentliche Meinungsfreiheit zurückerlangt. Warum sollten sie daher heute nicht offen von ihren spezifischen historischen Erfahrungen reden dürfen? Der Weg zum gemeinsamen historischen Bestimmungsort ist jedoch noch weit. Langjährige Tabus der kommunistischen Propaganda werden endgültig gebrochen und die „weißen Flecken“ des kollektiven Geschichtsbewusstseins zunehmend ausgefüllt. Dabei bringen die ostmitteleuropäischen Nationen ihre besonderen historischen Erfahrungen erstmals freimütig zum Ausdruck. Sie sind deshalb keine Störenfriede, sondern tragen vielmehr ernsthaft zu einer tiefgreifenden Integration Europas bei. Der derzeitige Konflikt der historischen Erinnerung in Europa ist zugleich der Weg, auf dem die europäische Einigung tatsächlich voranschreitet.

 

 

Dr. Kazimierz Wóycicki, geb. 1949 in Warschau, Philosophiestudium an der Katholischen Universität Lublin. Magisterarbeit u.d.T. „Absolut i wybór u Jean Grenier“ [Das Absolute und die Wahl bei Jean Grenier] (1974). Mitarbeit in der Warschauer Monatsschrift „Więź” unter Tadeusz Mazowiecki (1974-1980). Internierung zur Zeit des Kriegsrechts. Studium der Politikwissenschaft und Geschichte an der Universität Freiburg als Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung (1985-86). BBC-Journalist (1986-87). Promotion an der Universität Wrocław, Dissertation u.d.T. „Niemiecki rachunek sumienia. Niemcy wobec swojej przeszłości 1933-1945” [Eine deutsche Gewissensbilanz. Die Haltung der Deutschen gegenüber ihrer Vergangenheit 1933-1945].

Zahlreiche Kontakte zur demokratischen Opposition in der DDR (1970-1989), u.a. Mitinitiator und Unterzeichner des Briefes der polnischen und ostdeutschen Oppositionellen (1989), redaktionelle Mitgestaltung des Briefes der polnischen und deutschen katholischen Intellektuellen (1989), Chefredakteur der Warschauer Tageszeitung „Życie Warszawy” (1990-93). Direktor des Polnischen Instituts in Düsseldorf (1996-99) und Leipzig (2000-04). Derzeit Direktor der Abteilung Stettin des Instituts des Nationalen Gedenkens [IPN] und Dozent an der Universität Warschau. Mitinitiator des deutsch-polnischen Diskussionskreises „Kopernikus-Gruppe“.

Ausgewählte Publikationen: Czy bać się Niemców? [Muss man sich vor den Deutschen fürchten?], Warszawa 1990; Ofiary czy współwinni. Nazizm i sowietyzm w świadomości historycznej. Wstęp [Opfer oder Mitschuldige. Nazismus und Sowjetherrschaft im historischen Bewusstsein. Eine Einführung], Warszawa 1997; Opfer und Täter. Die polnische Abrechnung mit der Geschichte nach 1989, in: Leviathan, Bd.18 (1998); Spór Walser-Bubis [Der Walser-Bubis-Streit], Warszawa 1999; Deutschland-Polen-Osteuropa. Deutsche und polnische Vorüberlegungen zu einer gemeinsamen Ostpolitik der erweiterten Europäischen Union, hg. v. Dieter Bingen u. Kazimierz Wóycicki, Wiesbaden 2002; Kronika niezwykłego miasta. Szczecin 1945-1989 [Die Chronik einer ungewöhnlichen Stadt. Stettin 1945-1989], Szczecin 2003; Niemiecki rachunek sumienia [Eine deutsche Gewissensbilanz], Wrocław 2003; Der Holocaust im deutschen und polnischen Bewusstsein, in: Deutsche und Polen. Geschichte, Kultur, Politik, hg. v. Andreas Lawaty, München 2003; Die Destruktion des Dialogs. Zur innenpolitischen Instrumentalisierung negativer Fremdbilder und Feindbilder, hg. v. Dieter Bingen, Peter Oliver Loew u. Kazimierz Wóycicki, Wiesbaden 2007; Die Kopernikus-Gruppe. Zwischenbilanz eines deutsch-polnischen Gesprächskreises, hg. v. Dieter Bingen u. Kazimierz Wóycicki, Wiesbaden 2007; Rozbite społeczeństwo. Niemiecka pamięć wobec komunistycznej przeszłości NRD [Eine zerrüttete Gesellschaft. Die kommunistische Vergangenheit der DDR in der Erinnerung der Deutschen] (in Vorb.).


[1] Vgl. Stéphane COURTOIS / Nicolas WERTH / Jean-Louis PANNÉ / Andrzej PACZKOWSKI, Karel BARTOSEK / Jean-Louis MARGOLIN, Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München-Zürich 1998; siehe auch: Der rote Holocaust und die Deutschen. Die Debatte um das „Schwarzbuch des Kommunismus“, hg. v. Horst MÖLLER, München 1999; Ilko-Sascha KOWALCZUK, Aufklären, Mahnen, Gedenken. Aspekte der historischen Aufarbeitung in Deutschland Ost und West seit 1945 – http://www.havemann-gesellschaft.de/info11.htm

[2] Vgl. Kazimierz WÓYCICKI, Ofiary czy współwinni. Nazizm i sowietyzm w świadomości historycznej. Wstęp [Opfer oder Mitschuldige. Nazismus und Sowjetherrschaft im historischen Bewusstsein. Eine Einführung], Warszawa 1997; siehe zur Geschichte Ostmitteleuropas epochenübergreifend Piotr S. WANDYCZ, Die Freiheit und ihr Preis, Wien 1993; Klaus ZERNACK, Polen und Russland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte, Berlin 1994.

[3] Zit. nach: http://www.die-union.de/reden/altes_neues_europa.htm. Die damalige lettische Außenministerin Sandra Kalniete amtierte zwischen März und November 2004 gemeinsam mit Franz Fischler als EU-Kommissarin für Landwirtschaft und Fischerei. Sie kam 1952 in Sibirien auf die Welt, wo ihre Eltern nach der vom stalinistischen Regime veranlassten Deportation aus Lettland gelebt hatten.

[4] Vgl. Bernd FAULENBACH, Diktaturfahrungen und demokratische Erinnerungskultur in Deutschland, in: Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, hg. v. Annette KAMINSKY, Leipzig 2004, S.16.

[5] Siehe auch Jerzy HOLZER, Polen und Europa. Land, Geschichte, Identität, Bonn 2007.

[6] Vgl. Kazimierz WÓYCICKI, Der Holocaust im deutschen und polnischen Bewusstsein, in: Deutsche und Polen. Geschichte, Kultur, Politik, hg. v. Andreas LAWATY, München 2003.

[7] Russland, Serbien und Kroatien bilden hierbei ein gesondertes Kapitel; siehe zur Debatte um die Vergangenheitsbewältigung in den einzelnen Ländern Europas: Amnestie oder die Politik der Erinnerung in der Demokratie, hg. v. Gary SMITH u. Avishai MARGALIT, Frankfurt am Main 1997.

[8] Vgl. Kazimierz WÓYCICKI, Niemiecki rachunek sumienia. Niemcy wobec swojej przeszłości 1933-1945 [Eine deutsche Gewissensbilanz. Die Haltung der Deutschen gegenüber ihrer Vergangenheit 1933-1945], Wrocław 2003.

[9] Vgl. FAZ v. 18. Februar 2006.

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