Notizen aus dem Stettiner Schloß

Notizen aus dem Stettiner Schloß

Kazimierz Wóycicki, Andrzej Kotula

Das Forum Polen-Deutschland1
Das Forum Polen-Deutschland will Interesse am deutschen Nachbarn wecken. Es will das Wissen über diesen Nachbarn und über die Beziehungen zwischen Polen und Deutschen vertiefen. Dieses für alle Bürger der Stadt und der Region offene Gesprächsforum gibt die Chance, die verschiedensten Anschauungen zu diesem Thema zu hören und miteinander zu vergleichen¤. Diese Absichtserklärung findet sich auf der Einladung zu den ersten 10 Runden dieser monatlich stattfindenden öffentlichen Diskussion im Jagiellonen-Saal des Stettiner Schloßes der pommerschen Herzöge.

Seit eben diesen 10 Monaten versammeln sich dort einmal monatlich zwischen 100 und 200 Menschen, um über polnisch-deutsche Themen miteinander zu reden. Hundert Menschen, das ist verglichen mit den Millionen, die vor dem Fernseher sitzen nicht viel und dennoch ersetzt jener nicht die lebendige Diskussion, besonders nicht, an einem solchen Ort und zu solch wichtigen Themen. Wahrscheinlich gibt es in Polen auch nicht sehr viele Orte, an denen in so direkter Weise und live über diese Themen diskutiert wird. Uns, die wir diese Diskussionen vorbereiten und das Glück haben, sie moderieren zu dürfen, fasziniert dies immer wieder.

Autoren dieses Textes sind diejenigen, die an den Diskussionen teilnahmen. Wir waren bestrebt auf dem Forum, aber auch am Rande, Notizen der Diskussionen zu machen. Einige dieser Stimmen wollen wir hier erklingen lassen. Unsere Notizen können nicht vollständig sein, aber sie beinhalten zahlreiche Leitfäden und Inspirationen für die weitere Diskussion. Und dies ist unserer Meinung nach, für den polnisch-deutschen Dialog von großer Wichtigkeit.

Zu Anfang wollen wir besonders eine Person erwähnen, ohne die es das Forum nicht gäbe. Den Direktor des Stettiner Schlosses der pommerschen Herzöge, Eugeniusz Kus, er ist Gastgeber und Unterstützer.

Stettin und der Dialog mit Deutschen

Wir haben den Eindruck, daß die Stettiner sehr genau um die Besonderheit ihrer Stadt, in der sie leben, wissen. In den Diskussionen wurde immer wieder unterstrichen, daß alle Menschen hier Zugezogene sind, daß die Gesellschaft dieser Stadt eine bislang nicht gekannte Mischung darstellt. Und davon sollten die Stettiner sich und anderen immerfort erzählen. Folgt man den Diskussionen im Schloß, so verstehen die Stettiner intuitiv die herausragende Rolle, die ihre Stadt in den polnisch-deutschen Beziehungen spielt.

Der Dialog der Eliten in den polnisch-deutschen Beziehungen, anfänglich zwischen Warschau und Bonn, heute nach dem Umzug der deutschen Eliten zwischen Warschau und Berlin, muß seine Ergänzung in den Gesellschaften finden. Diese „Ergänzung” ist nur in der direkten Grenzregion möglich, dort, wo eine lebendig reagierende, eine der alltäglichen Teilnahme an diesem Dialog geneigte, nicht gleichgültige Öffentlichkeit auf beiden Seiten der Grenze lebt. Hier fahren Polen und Deutsche nicht nur in offiziellem Auftrag zueinander, hier treffen sie sich nicht nur auf Konferenzen. Hier leben sie, die Einen wie die Anderen, nebeneinander, Auge in Auge, und genauso müssen sie aufeinander reagieren. Sie sind Nachbarn im wahrsten Sinne des Wortes und müssen diese Nachbarschaft alltäglich praktizieren, in hunderten Initiativen, auf Bazaren, in Geschäften, in Firmen, auf Treffen, in Projekten von der deutsch-polnischen Zooschule in Ueckermünde bis hin zu bedeutenden internationalen Kulturereignissen, für die unter anderem das Stettiner Schloß ein Austragungsort ist. Durch diese Nähe sind sie offener füreinander, eher bereit von Stereotypen Abstand zu nehmen (denn Nachbarn erfahren sich empirisch), sie sind aufeinander auch menschlich neugierig und sie haben emotionale Beziehungen, von Reserviertheit und Furcht, bis hin zu Hoffnungen auf Gewinn durch Kooperation.

Der in Stettin geführte Dialog trägt die Chance auf eine belebende „Interaktion” in sich. Impulse, ausgehend von einer Elite, treffen unmittelbar in die Gesellschaft. Emotionen, Ansichten, Erfahrungen beider, nah beieinanderlebender Gesellschaften verifizieren und inspirieren das Verhalten der Eliten.

Die Frage nach Deutschland hat in Stettin eine größere Bedeutung als im Inneren Polens. Und die Frage nach Polen ist hier, im Osten Deutschland zwischen Berlin und der Grenze, bedeutender als tief im Inneren des Landes. Das gilt ebenso für alle Fragen rund um den Beitritt zur europäischen Union, die Aspekte des Landverkaufs und des Arbeitsmarktes, Befürchtungen, Stereotype, etc… Denn Ostdeutschland und Westpolen sind bereits heute das Experimentierfeld nicht nur einer Annäherung, sondern auch der europäischen Integration und zugleich sind sie das Frühwarnsystem vor möglichen Komplikationen.

Das Schlagwort von einer polnisch-deutschen Interessengemeinschaft weckt in Stettin kein Befremden, es weckt auch keine Emotionen, es klingt eher banal. Wer also aus Warschau hierherkommt, wo dieses Schlagwort ein eindringlich wiederholtes politisches Bekenntnis darstellt, muß sehr behutsam sein. Die Menschen hier wissen um die polnisch-deutschen Beziehungen und fordern Konkretes. Von „gemeinsamen Interessen” zu reden, mag mit einem Achselzucken quittiert werden, nicht weil man dagegen ist, sondern weil diese Interessen hier bereits so oft beschworen wurden.

In einer der Diskussionen wurde Stettin mit PrzemyÊl verglichen. Qualität und Form nachbarschaftlicher Beziehungen gehören mit zur Verantwortung der Grenzstädte und dies nicht nur auf lokaler und regionaler Ebene, so wie PrzemyÊl und Lwów für die polnisch-ukrainischen Beziehungen Verantwortung tragen. Stettin ist PrzemyÊl und Lwów in einem. Die Stadt ist polnisch, aber dieses Polnische entstand auf deutschem Grund. Antideutsche Äußerungen, zum Beispiel durch den früheren Stadtpräsidenten von Stettin Marian Jurczyk, sind vernichtender, als trüge sie irgend ein Stadoberer aus dem Inneren Polens vor. So wie antiukrainische Excesse in PrzemyÊl und antipolnische in Lwów ein größeres Gewicht haben.

Dieser weitgehende Vergleich fällt meist zu Gunsten Stettins aus. PrzemyÊl dagegen wird in vielen Fällen mit polnisch-ukrainischen Antagonismen assoziiert. Die polnischen Stettiner dagegen verhalten sich zu ihren deutschen Nachbarn verhältnismäßig offen. Jurczyk ist wohl eher eine Ausnahme. Und dennoch ließen sich in den öffentlichen Diskussionen des Forums auch antideutsche Stimmen vernehmen. Wie auf einem Lackmuspapier zeigen die Stimmungen der Stettiner bereits heute, wie sich Polen zur europäischen Integration verhalten wird und wie eine Erweiterung der Union erfolgen kann.

Stettin und die Überwindung des Komplexes

Die unüberwindbare Asymetrie und Schwäche der polnischen Seite (besonders wirtschaftlich) und die daraus entstehenden Komlexe gehören zum stereotypen Repertuar vieler Gespräche über die polnisch-deutschen Beziehungen. Nur fand dieses Stereotyp sich nicht immer in den Schloßrunden bestätigt.

Eine passive ostdeutsche Gesellschaft, mit ihrer Nachwiedervereinigungs-Frustration und einer 20=30 Prozenten Arbeitslosigkeit lebt hier neben einer sehr viel dynamischeren polnischen Gesellschaft und einer Stadt mit 5=7 Prozenter Arbeitslosigkeit; einer Werft von Weltrang (auf dem Hintergrund subventionierter ostdeutscher Werften), einem sich lebendig entwickelnden Mittelstand, wie es für Polen in den vergangenen zehn Jahren üblich ist.

Die Komplexe der Stettiner, so erschien es in den Diskussionen immer wieder, orientieren sich nicht an deutschen Partnern, sondern an Warschau, Posen und Zentralpolen. Stettin sieht sich als unverstanden in seiner Rolle und, was noch schwerer wiegt, sieht keine Chance diese Unterbewertung einfach zu verändern.

Die herausragende Rolle Stettins wird manchmal mehr auf der deutschen Seite beachtet, als in Polen. So hörte man bereits 1996 während einer Debatte des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern zur regionalen Zusammenarbeit mit der damaligen Woiwodschaft Stettin einen Landtagsabgeordneten sagen: „Es ist sicher, daß neben den sich bereits entwickelnden Gebieten unseres Landes, ich denke da an Westmecklenburg mit der Hauptstadt Schwerin, oder an das wirtschaftliche Zentrum Rostock mit seinem Umland, eine weitere, dritte Region entstehen und wachsen wird, die für viele Bürger unseres Landes eine sehr wesentliche Rolle spielen wird. Ich denke hierbei an die Entwicklung des Stettiner Umlandes auf beiden Seiten der Grenze. Dieser Wirtschaftsraum, mit Stettin als Zentrum, wird sich dynamisch entwickeln, denn hier können sich ausgezeichnete Bedingungen des Wachstums konzentrieren. Der Stettiner Hafen mit seiner äußerst günstigen Lage im Ostseeraum, besitzt eine sehr gute Straßen, Schienen und Wasserstraßenanbindung an den Berliner Raum, die unseren Häfen fehlt. Darüberhinaus liegt der Stettiner Hafen nur halb so weit von Berlin entfernt, wie der Hafen von Mukran. Stettin verfügt auch über weitere Vorzüge: Gutausgebildete Arbeitnehmer, eine bedeutende Universität, eine erfolgreiche Werft, eine entwickelte Industrie und hervorragende mittelständische Betriebe. Wenn sich diese Region darüberhinaus gut entwickeln wird, und das wird in 6=10 Jahren sicherlich der Fall sein, dann werden in Zukunft unsere Bürger dorthin zur Arbeit fahren. Deshalb ist es wichtig, daß wir bereits heute die deutsch-polnische Zusammenarbeit entwickeln, damit es in der Zukunft, in der unsere Bürger vielleicht mehr davon profitieren als heute die Polen, selbstverständlich ist”‹.

Manchmal scheint es also wertvoll, den Nachbarn anzuhören. Stettin ist die einzige Stadt an der polnisch-deutschen Grenze, die sich zur Metropole für beide Seiten entwickeln wird. Zur regionalen Metropole, aber zur Metropole.

Stettin auf der Suche nach seinem Mythos

Diese Bedeutung und Rolle der Stadt braucht Symbole. Diese Symbole — der Mythos der Stadt — die im gesamten Polen, wie auch international beachtenswert sein sollten, fehlen und dieser Mangel schmerzt die Bewohner Stettins. In den Diskussionen spürte man diesen Mangel eigener Ambitionen der Bürger dieser Stadt und dieser Mangel wird auch allgemein anerkannt und immer wieder wird darauf Bezug genommen. Es scheint die allgemeine Meinung zu überwiegen, die Stadt verstünde es nicht, für sich zu werben.

Einer der Teilnehmer formulierte die folgende Kritik: Zum Symbol der Brücke zwischen Deutschen und Polen wurde die Stadtbrücke Frankfurt — S?ubice gewählt. Nur, daß S?ubice, trotz des Collegium Pollonicum, wegen des völligen Fehlens eines kulturellen, intellektuellen und politischen Potentials, einfach die Rolle einer Dekoration, einer Bühnendekoration auf der polnischen Seite erfüllt. Die Wirklichkeit wird von Grenzmärkten und die Gebrauchtwagenbörsen geprägt, womit einmal mehr die Stereotype, erhärtet werden, was Polen zum Dialog und zur EU beitragen kann. S?ubice ist gar nicht in der Lage in diesem Dialog eine aktive Rolle zu spielen. Die Brücke Frankfurt — S?ubice und das Collegium Pollonicum sind „geheiligte” Treffpunkte der Politiker, die mit dem Hubschrauber einschweben, ihre Rede halten und nach einer Stunde wieder abfliegen. S?ubice und seine Brücke hingegen fallen dann wieder in die alte Rolle, die der Ameisenstrasse und der Brücke des Schmuggels zurück. Und das Collegium Pollonicum spielt dabei eine etwas unsachliche, vereinsamte Rolle. Es ist weder Schwester, noch Partner der deutschen Universität. In diesem Sinne, so war es in den Diskussionen zu vernehmen, ist die Brücke zwischen Frankfurt und S?ubice als deutsch polnisches Symbol des Dialoges für die polnische Politik eher schädlich. Und je eher dies auch in Warschau gesehen wird, umso besser.

Und wenn man nun als Treffpunkt Stettin wählen würde? Stettin mit seiner Vielzahl von Hochschulen (die immer noch eher schwach mit deutschen Partnern kooperieren); dem Schloß, dessen Direktor für seinen Beitrag zur polnisch-deutschen kulturellen Zusammenarbeit erst kürzlich mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde; hervorragenden Theatern, über die uns oftmals vorwurfsvoll und ungeduldig gesagt wurde, daß die in Warshau davon nichts wüssten; einer Philharmonie, (bei deren Konzerten der Parkplatz mit deutschen Autos aus den umliegenden Kreisen vollgestellt ist); dem herausragenden alternativen Teatr KANA, (das mit dem ähnlich gearteten, deutschen Schloß Bröllin kooperiert); der neuzeitlichen Pommerschen Bibliothek, (deren Partner unter anderem die Bayerische Staatsbibliothek München und die Preussische Bibliothek Berlin sind); zahlreichen freien Vereinen und Initiativen, die ihre deutschen Partner bereits gefunden haben, den Redaktionen der regionalen Medien, deren Interesse an Deutschland und am deutsch-polnischen Verhältnis weit über den Durchschnitt herausragt; dem polnisch-dänisch-deutschen Multinationalen Korps Nordost; der Stettiner internationalen Messe (wenngleich auch nicht mit der Posener Messe zu vergleichen); der Stettiner Werft, deren Bewunderung dazu führen mag, daß „Polnische Wirtschaft” in Deutschland bald vom Schlagwort zum Kompliment avanciert; der Euroregion Pomerania und dem Zentrum für Europäische Integration (mit seinen kompetenten Mitarbeitern zur deutsch-polnischen Zusammenarbeit), ist für diese Rolle sicherlich besser geeignet (schon jetzt hat sie weit mehr zu bieten als Spargel und Tankstellen) und, was noch wichtiger ist, fast unbewußt erfüllt die Stadt diese Rolle schon heute. Sie ist die einzige polnische Stadt, die auch für die deutsche Grenzregion eine Metropole darstellt.

Stettin mag also die bessere Symbolstadt für den deutsch-polnischen Dialog sein, die lebendigere und kreativere, als S?ubice. Eine Stadt der Visionen, (Pommern als Silicon Valley für beide Staaten, wie es Adam Krzeminski, Publizist beim polnischen Nachrichtenmagazins „Politika” formulierte). Ein Symbol, das auf die Zeit reagiert und politische wie intellektuelle Konstruktionen der Elite verifizieren kann.

Stettin wäre gerne das Strasburg der deutsch-polnischen Grenzregion.

Diese Grenzregion braucht ein solches Strasburg, ein Symbol, eine Quelle der Inspiration und der Impulse, eine Werkstatt und ein Ort der praktischen Anleitung. Die Stettiner wollen, daß jemand laut und nachhaltig ihre Träume formuliert und so der Stadt den ihr zukommenden poltischen Rang bestätigt. Berechtigt oder nicht, herrscht aber die Überzeugung vor, daß „unsere” Politiker sich mit diesen Ideen nicht beschäftigen und die Politiker in Warschau von den Stettiner Erfahrungen, Ambitionen und Bemühungen nicht wissen.

Die Stadt schielt mit einem Auge nach Warschau, mit dem anderen nach Berlin. Und sie kommt weder mit der einen, noch mit der anderen Hauptstadt zurecht. Warschau versteht nicht, daß die Erfüllung der in Stettin benötigten Investitionen nicht nur für Stettin wichtig sind, sondern die Stadt in der Konkurrenz zum deutschen Nachbarn stärken und ihre Chancen der Zusammenarbeit mit der deutschen Wirtschaft verbessern würden. Dies wäre nicht nur für Stettin, sondern für ganz Polen bedeutend. Dagegen gelingt es der Stettiner Elite nicht, sich selbst die Frage zu beantworten, welche Bedürfnisse Berlin sich in Stettin erfüllen mag, die sich Berlin nicht in sich selbst erfüllen kann.

Stettin lag einstmals am Ende Polens; heute ist es die Kontaktstelle zwischen Deutschland und Polen (und ebenso zu Dänemark und Schweden). Strasburg hat keinen Seehafen und keine Schiffswerft, aber seine internationale Bedeutung baute es auf eben diese Nahtstelle zwischen Deutschland und Frankreich, ohne deren Annäherung und Zusammenarbeit es nie eine Europäische Union gegeben hätte.

Stettin hat keinen Günter Grass und keinen Fritz Stern, (auch keinen Grotowskie, keinen Mi?osz, keine Szymborska und keinen Mro?ek), auch keine Strasburger Kathedrale. Das Schloß der pommerschen Herzöge ist nicht der Wawel und die Stettiner Universität ist nicht die Jagiellonenuniversität.

Aber es hat Dietrich Bonhoeffer, Katharina die Große, Carl Loewe und Alfred Döblin und trotzdem fehlt der Stadt ein Mythos. Nein er fehlt nicht, sondern er ist nur noch nicht geschrieben und aufgezeichnet. Es ist der Mythos der „Stadt an der Nahtstelle”. Der Mythos des aktiven Vermittlers zwischen Polen und Deutschland, der es versteht das Gute beider Seiten für sich zu nutzen und beiden Seiten zu geben was gut ist. Das Strasburg der polnisch-deutschen Grenze.

Stettin und die Geschichte

Niemand verteidigt sich heute auf den Wällen des Chobres (der alten Hakenterasse) vor den Deutschen, sagte ein junger Teilnehmer. Auch glaubt niemand mehr an die „Piasten-Legende” der „wiedergewonnenen Gebiete” Aber mit Sicherheit gibt es keine einheitliche Meinung darüber, was das deutsche Erbe den Polen bedeutet. Welche Bedeutung besitzt diese ungewöhnliche Situation für die polnisch-deutschen Beziehungen? Wie gehen die Deutschen damit um? Bermerken sie die polnischen Schwierigkeiten und Bemühungen, dieses Problem zu bewältigen? Welche Rolle spielen das deutsche Erbe und Polens Umgang damit bei der europöischen Integration? All diese Fragen sind in Stettin an der Tagesordnung und wecken kein Befremden.

Mit großer Sicherheit aber spielen die Antworten, die man in Stettin und in Westpommern auf diese Fragen findet, für ganz Polen und für die polnisch-deutschen Beziehungen eine herausragende Rolle.

Die Meinung der Historiker, die wir hier anführen wollen, eröffnet dieser Diskussion ein gutes Klima:

Die Frage des deutschen kulturellen Erbes in den westlichen und nördlichen Gebieten Polens mag, wurzelnd in den nicht immer laut verkündeten Ressentiments, ein Keim für Meinungsverschiedenheiten sein. Im Bewußtsein der Deutschen ist, völlig verständlich, ihr Beitrag an der zivilisatorischen Entwicklung der nördlichen und westlichen Gebiete verankert. Unabhängig von ihrem Verhältnis zur Oder-Neisse-Grenze betrachten sie diese Gebiete als deutsches Kulturerbe. Im Grunde teilen die Polen diese Ansicht, fühlen sich aber von der Tatsache gedemütigt, daß es ihnen im zurückliegenden halben Jahrhundert nur in geringem Grad gelungen ist, diese Kulturlandschaft mit eigenen, den vorgefundenen ebenbürtigen Symbolen anzureichern. Dieser Zustand läßt sich nur auf eine Weise ändern: Man muß die deutsche Hinterlassenschaft hegen und umsorgen und gleichzeitig mit neuen, kreativen, schöpferischen und sich dauerhaft in die Kulturlandschaft einfügenden Elementen bereichern. Nur auf diese Weise lassen sich die für beide Seiten gefährlichen Hochs und Tiefs entladen. (…)

Für viele Jahre existierten die West- und Nordgebiete im Bewußtsein der hier angesiedelten polnischen Bevölkerung in erster Linie als in grauer Vorzeit „verlorene” und nach dem Kriege „wiedergewonnene”. Erst weit dahinter kam das Bewußtsein, daß es sich hier um Regionen mit eigenen Traditionen und nicht bloß polnischen, handelt. (…) Einzelne Regionen wurden als „ideologische Heimat” verstanden, andere, aber weit weniger, als „private Heimat”. Das hat sich heute weitgehend geändert, ja man möchte sagen, es ist zu einer völligen Kehrtwende gekommen. Es scheint, daß dies einen guten Startpunkt für eine Verständigung mit der deutschen Seite schafft, vorallem auch mit den „Vertriebenen” (…) Unter einem guten Klima der deutsch-polnischen Beziehungen mag sich die Frage des deutschen Kulturerbes in den West- und Nordgebieten von einem brennenden Problem zum Gradmesser der Annäherung beider Nationen wandeln.›

Wer aus Deutschland Stettin kennenlernen will, leider haben auch in Zentralpolen nur wenige Menschen ein solches Verlangen, der mag sicher sein, es wird interessant. Einerseits als Beispiel der allgemeinen polnischen Entwicklung und Prozesse, der Regionalisierung und Dezentralisierung, Erfolg der Reformen, der lebendigen Wirtschaft, die jahrzehntelange Verzögerungen aufholen will, usw. Andererseits ist Stettin auch Beispiel für eine neuentstehende regionale Identität auf altem deutschen Gebiet, im Dialog mit den kulturellen Resten, mit der Geschichte und in einem einst kulturell und wirtschaftlich zusammengehörigen Gebiet, das seit 50 Jahren durch eine Grenze getrennt wird. Stettin ist Beispiel für die Adaption deutscher Vergangenheit zur Schaffung einer eigenen Identität, doch ebenso nahtlos fügt sich das Los der polnischen Menschen in diese neue Identität ein: Die Pioniersjahre nach dem Kriege, die Unsicherheit über die Grenzfrage und über die Lage der Stadt (der Konflikt der VRPolen und der DDR über das Fahrwasser bedrohte noch in den 80er Jahren den Hafen Stettin-Swinemünde, und wohl auch das Wirtschaftsleben der ganzen Stadt); die Aufstände im Dezember 1970 und im August 1980 (schließlich war Stettin wie Danzig die Wiege der SolidarnoÊç und krazte für 10 Jahre erfolgreich an der Berline Mauer); die Wende nach 1989, der kulturelle Schmelztiegel Stettin (z.B. die aktive ukrainische Minderheit aus der „Aktion Weichsel”, Umsiedler und Vertriebene aus dem Osten, Posener Nationaldemokraten, Kämpfer des Warschauer Aufstandes, Griechische Emigranten der 60er, u.v.a.) — die ganze bunte Mischung des Nachkriegspolens, aber vom Nullpunkt an in einem halben Jahrhundert völlig neu entstanden. Und zugleich jene Ecke Polens, in der die Verträge mit den Deutschen im Jahre 1970 und 1990 (die Grenzverträge) und 1991 der Nachbarschaftsvertrag, sowie die Vereinigung Deutschlands eine ganz besondere Bedeutung erlangten. Auch der neue in Vorbereitung befindliche deutsch-polnische Staatsvertrag über die kommunale grenzüberschreitende Zusammenarbeit (als Vorlage dient der deutsch-französisch-luxenburgisch-schweizerische Vertrag unterzeichnet in Karlsruhe 1996) kann, wie es bislang zu vernehmen ist, die Ausweitung der heute blühenden nachbarschaftlichen Zusammenarbeit nur weiter unterstützen.

Große, erschwingliche Ambitionen

Die Rolle Stettins in den deutsch-polnischen Beziehungen geht weit über die Rolle einer Grenzstadt hinaus. Stettin will Botschafter Polens in Deutschland sein. Hier soll, neben dem sich traditionell mit deutscher Problematik beschäftigenden Posen und seinem Westinstitut, der Dialog mit Deutschen konzentriert werden. Stettin muß die Warschauer Aufmerksamkeit auf sich lenken und zeigen, daß hier die Sensibilisierung für deutsche Fragen von Tag zu Tag durch ganz natürliche Kontakte wächst. Solche Stimmen hörte man immer wieder in den Diskussionen.

Durch seine Grenzlage spielt Stettin eine bestimmte Rolle, trägt aber auch eine bestimmte Verantwortung beim Bau eines gemeinsamen Europas.

Sind das nicht völlig unrealistische Ambitionen? Zitieren wir dazu die beiden Aussenminister Bronis?aw Geremek und Joschka Fischer:

Gerade die polnisch-deutsche Grenzregion kann und soll ein Gebiet der Zusammenarbeit, der Modernisierung und Innovation sein. Die Geschichte Europas ist voller Beispiele, daß strukturschwache Regionen dank einer durchdachten Wirtschafts-, Bildungs- und Sozialpolitik an die Spitze gerückt sind. In den 90er Jahren sind Projekte entstanden wie der vom brandenburgischen Ministerpräsidenten angeregte Plan einer intensiven grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. In letzter Zeit gibt es hier in Polen Stimmen, im Rahmen der EU einen polnisch-deutschen „Oder-Verband” zu schaffen, oder gar etwas wie die Gemeinschaft für Kohle und Stahl des 21. Jahrhunderts — nicht in der Schwerindustrie oder der Landwirtschaft, sondern im Schul- und Bildungswesen — so dass in einigen Jahren diese Region zwischen Berlin, Rostock, Stettin, Warschau und Krakau das europäische Innovationszentrum nach Osten erweitert.?

Stettin steht hier in einer Reihe mit Berlin, Warschau und Krakau. Wenn ernsthaft von den deutsch-polnischen Beziehungen die Rede ist, dann kann man Stettin nicht umgehen. Zitieren wir noch einen weiteren Autoren:

Zum ersten müssen sich Polen und Deutschland einbringen in das Zusammenwachsen des Westen und Ostens. In der Zusammenarbeit mit Deutschland, wie auch im Rahmen des Weimarer Dreiecks, sollte Polen Coautor werden und nicht Empfänger wie in der Vergangenheit der Ostpolitik. (…) Polen und Deutsche sollten besonders an einer starken und wahrhaften — auch politischen — Union interessiert sein, was auch eine offene Diskussion über ihre Form bedeutet. Die europäische Idee wird an der polnisch-deutschen Grenze bestätigt, oder verworfen. Viele Probleme mit der EU erleben wir zunächst als polnisch-deutsche Probleme und das wird ein wirklicher Test für unsere Verständigung und Partnerschaft. Deshalb bedeuten „Gemeinsame Interessen” heute pradoxerweise auch, sich im Konkreten zu unterschiedlichen Interessen zu bekennen. Auf dem Weg in die EU werden es wohl noch mehr. (…)

Zum zweiten bedarf die Zusammenarbeit der Wirtschaft und Wissenschaft nicht der Hilfe, sondern der Schaffung guter Arbeitsbedingungen. Wir entwickeln Projekte im Verkehrswesen, im Umweltschutz, wir führen neue Formen wissenschaftlichen Austausches ein, kooperieren in Gebieten, wo sich Wissenschaft und Wirtschaft berühren. Die Signale der Regierungen sollten die Experten zur Suche neuer, ungedachter Projekte motivieren, die ein Zeichen beidseitiger Zusammenarbeit sein können und gleichzeitig, den Grenzraum, in dem wir viel nachzuholen haben, beleben können. Das wäre dann auch gleichzeitig ein Beweis dafür, daß die polnisch-deutschen Beziehungen aus der Etappe der Geschichte herauskommen und sich in die Zukunft wenden.?

Der Weg von und nach Berlin

Stettin ist auf diese Rolle, zumindest mental vorbereitet. Dafür lassen sich zahlreiche Argumente anführen: Das Ergebnis der polnisch-deutschen Wahl des Stettiners des Jahrhunderts, durchgeführt von der lokalen „Gazeta Wyborcza”, wo neben dem ersten Stadtpräsidenten des Nachkriegsstettin, mit polnischen Stimmen (an der Wahl nahmen 79 Deutsche und etwa 3.500 Polen teil) seine zwei deutschen Vorgänger, die Oberbürgermeister Hermann Haken und Friedrich Ackermann gewählt wurden; oder die bisherigen Ergebnisse regionaler Zusammenarbeit, gemeinsame, grenzüberschreitende Kultur- und Bildungsveranstaltungen, der vieltausendköpfige Jugendaustausch; zahlreiche Kontakte der Gemeinden, der offene und immer sorgfältigere Umgang mit dem deutschen kulturellen Erbe, das als europäisches und damit als gemeinsames Erbe betrachtet wird; die sich in Stettin seit Jahren entwickelnde politische Bildung für Studienreisegruppen aus ganz Deutschland; das wirklich herzliche Willkommen des nach über 50 Jahren Abwesenheit in seinen alten Heimathafen einlaufendenden deutschen „Dampfeisbrechers Stettin”; oder die völlige Akzeptanz von Bundeswehrsoldaten in einer alten Wehrmachtskaserne (Deutsch-Polnisch-Dänisches Korps) und so weiter.

„Die polnisch-deutschen Beziehungen sind derzeit weder schlecht noch gut, sie sind normal”, sagte vor kurzem der polnische Aussenminister W?adys?aw Bartoszewski in Stettin. Ja, aber gerade an diesem Ort ist Normalität oftmals viel gehaltvoller.

Berlin gehört zweifelsfrei zu den Metropolen und Stettin zu den mittelgroßen Städten Europas. Für Stettin ist dies eine Chance die vielfältigen Möglichkeiten dieses Giganten zu nutzen — wirtschaftlich, kulturell, wissenschaftlich. Berlin, das ist ein großer Arbeitsmarkt, Universitäten, Museen, Theater…

Doch auch Stettin hat viel zu bieten. Sie ist kleiner die Stadt, aber sie mag die Visitenkarte all des Guten in Polen sein, sie mag den Deutschen Treffpunkt mit dem Polentum sein, hier an einem Ort, an dem auch wir Polen es schwer hatten, das deutsche Erbe und die deutsche Nachbarschaft zu verstehen. Die Stettiner Theater, die Musikwelt, Diskussionen und Debatten, das mag Deutsche heranlocken, die am tagtäglichen Leben in Polen interessiert sind.

Paradox ist sicherlich, daß die Stettiner erst den Weg nach Warschau finden, wenn sie in Berlin sichtbar sind. Das war ein bitterer, aber auch scharfsichtiger Beitrag eines der Teilnehmer.

Und noch eine Stimme wollen wir hier zu Wort kommen lassen. Zu uns kam jemand und stellte die folgende, frapierende und provozierende Frage: „Warum sollten nicht wir, bei uns in Stettin das Museum der Vertreibungen bauen, von dem Erika Steinbach die Vorsitzende des deutschen Bundes der Vertriebenen redet. Schließlich ist so ein Museum in Berlin völliger nonsens, aus Berlin hat keiner jemanden vertrieben. Aus Stettin allerdings und genauso sind die, die hierherkamen, viele von uns, unsere ganze bunte Sammlung alter polnischer Regionen, wir sind genauso Vertriebene.”

Deutsche Übertragung: Mathias Enger

 

Anmerkungen

? In diesem Artikel wurden Textfragmente und Zitate aus den Einladungen zum Forum Polen-Deutschland benutzt.

¤ Bislang fanden folgende Diskussionen statt: Polen-Deutschland und die europäische Integration mit Klaus Bachmann, Korrespondent deutscher Medien in Polen, Kenner der Problematik der EU und ihrer Osterweiterung. Polen-Deutschland 1989=1999. Erfolge undFehlschläge mit Dr. Dieter Bingen, Politologe, Direktordes Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. Meine sieben Jahre in Polen mit Klaus Ranner, Diplomat, Generalkonsul der BRD in Stettin; Deutsche und Polen — Abrechnung mit der Geschichte mit Helga Hirsch, Freie Journalistin und Publizistin aus Berlin, Autorin des Buches Die Rache der Opfer — Deutsche in polnischen Lagern 1944=1950; Wie sind (waren) DDR’ler? mit Ludwig Mehlhorn von der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg, ehemals Dissident in der DDR; Dietrich Schröder aus Frankfurt/Oder, Journalist der „Märkischen Oderzeitung” und ¸ukasz Ga?ecki, Vicedirektor des Polnischen Instituts Leipzig. War die Diskussion um die Zwangsarbeiter-Entschädigung notwendig? mit Hubert Wohlan, Journalist aus Bonn, Direktor der polnischen Redaktion der Deutschen Welle in Köln und Adam Krzemiƒski aus Warschau, Publizist des Nachrichtenmagazin „Polityka”., Szczecin Vorstadt Berlins — Berlin Vorstadt Szczecins? mit Basil Kerski, Publizist und Politologe aus Berlin, Chefredakteur des Deutsch-Polnischen Magazins „Dialog” und Dominik Górski, Vorsitzender des Rates der Stadt Szczecin., Verschlechtern sich die polnisch-deutschen Beziehungen? mit Prof. Hans-Henning Hahn, Historiker an der Universität Oldenburg, Dr. Christoph von Marschall, Publizist „Der Tagesspiegel” Berlin und Markus Mildenberger von der Deutschen Gesellschaft für Aussenpolitik in Berlin; Was tun mit dem deutschen Erbe? mit Dr. Joachim Rogall, Historiker, Direktor des Mittel- und Osteuropaprojektes der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart; Prof. Jan M. Piskorski aus Posen, Historiker an der Uniwersität Stettin; Polnisch-deutsche Interessengemeinschaft — was ist dast? mit Roland Freudenstein Direktor der Konrad Adenauer Stiftung in Polen.

‹ Herausgegeben vom Landtag des Landes Mecklenburg-Vorpommern: Grenzuberschreitende Zusanmmenarbeit. Band 1. Zur parlamentarischen Zusammenarbeit mit der Woiwodschaft Stettin. Schwerin 1996.

› Zbigniew Mazur: Dziedzictwo Ziem Zachodnich i Pó?nocnych w Stosunkach Polsko-Niemieckich (1990=1998) Hefte des Westinstituts Posen Nr. 13/1999.

? Zitiert nach Der Tagesspiegel vom 17. Februar 2000 — S. 6.

? Marek Prawda, Direktor der Westeuropaabteilung des polnischen Aussenministeriums in „Gazeta Wyborcza”, 17.05.2000.

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