Katrin Hattenhauer in der Nikolaikirche

Katrin Hattenhauer in der Nikolaikirche

Als Katti mich eingeladen hat, zur Ausstellungseröffnung ein Einführungswort zu sagen, war ich nicht sicher, ob ich diese Einladung annehmen darf – bin ich doch kein Kunstkritiker. Und es gab noch ein weiteres Gegenargument, nach Leipzig zu fahren und an einem so anspruchvollen Ort wie der Nikolaikirche eine Rede zu halten: Die Malerei von Katti  lässt sich nicht direkt als politisch interpretieren, Katti malt Bilder, die Freude machen, keine Illustrationen für Geschichtsbücher. Ich dagegen bin Zeithistoriker und Politologe. Wenn ich aus Warschau kommen sollte, dann durfte ich also nicht nur sagen: “Ich mag Katti, sie malt Bilder, die mir gefallen, und Schluss.” Ich wusste aber, dass Katti eine spezielle Absicht hatte, als sie mich einlud. Denn sie wollte ihre Bilder zusammen mit jemandem aus Polen zeigen – gerade hier, in der  Nikolaikirche, in diesem Erinnerungsjahr 2009. So komme ich sehr gern wieder nach Leipzig. Ich war hier mit “Aktion Sühnezeichen” in den 70er Jahren, und 1989 habe ich an den Leipziger Demonstrationen  teilgenommen. Ja, ich fühle mich in Leipzig ein bisschen zu Hause dank dieser Erinnerungen.

Was aber ist mit Kattis farbigen, vollen und bewegten Bildern? Was für einen Interpretationsschlüssel  kann ich finden, wo sich in den Bildern Freude zeigt und nicht die Tragödien und Dramen der Vergangenheit?

Doch gibt es diese Verbindung und Deutung. Gerade die Freude. Kattis Biographie zeigt deutlich, dass ihr Engagement nicht nur mit Ästhetik verbunden ist sondern auch  mit Freiheit. Katti war Teil der ostdeutschen oppositionellen Bewegung, sie war Mitorganisator des wichtigen Straßenmusikfestivals in Leipzig, über das wir in den Geschichtsbüchern heute lesen. Und ihre Bilder können uns sagen, dass man Lust und Freude an Freiheit haben kann. Das ist nicht überall so offensichtlich der Fall. Man kann Freiheit, politische Freiheit, Freiheitsbestrebung nur als Pflicht betrachten. In einem System der Unfreiheit hat man zuerst ein bisschen Angst, manchmal ganz viel Angst, wenn man sich um Freiheit bemüht. “Ich habe Angst, aber ich weiß doch, was für eine Pflicht ich habe, und ich tue meine Pflicht.” Das klingt gut. Gut und protestantisch. Ich stehe hier, ich kann nicht anders.

Sollte aber Engagement für Freiheit nicht auch mit Freude verbunden sein? Als ich, wie Katti auch,  im Gefängnis war – relativ kurze Zeit, aber diese Monate waren für mich eine wichtige Erfahrung –, hatte ich oft Angst. Aber oft dachte ich auch, dass ich am richtigen Ort bin. Es war kein Pflichtgefühl, sondern ein existenzielles Erlebnis mit der Freiheit. Es war nicht nur Pflichterfüllung, gegen die Angst, sondern die Freude, etwas Richtiges zu tun. Nicht innere Freiheit, sondern Freude an Freiheit, souverän, trotz allem, in der Gesellschaft zu agieren.

Kattis Bilder erinnern uns zusammen mit ihrer Biographie an diese Wahrheit. Und diese Wahrheit ist heute gar nicht so unwichtig. Der Herbst der Völker 1989 war voll von Freude. Überraschend hat man Freiheit erreicht. In Leipzig ist die Erinnerung daran immer lebendig. Freiheit war damals ein Versprechen: Das Leben sollte nicht so grau und schwierig weitergehen wie zuvor. Heute zeigen die Umfragen aber, dass in Ostdeutschland Ostalgie herrscht. Die Menschen haben Freiheit, aber sie sind damit nicht zufrieden, weil das Leben nicht alle Träume erfüllt hat. Noch mehr – die Freiheit ist schwierig, anspruchsvoll, sie will uns als Verantwortliche haben, als Persönlichkeiten, die selbstständig sind. Man bekommt vor dieser Freiheit Angst – eine ganz andere Art der Angst als in der Unfreiheit. Selbst das Pflichtgefühl kann nicht mehr helfen. Aus Pflicht kann man im Namen der Freiheit revoltieren gegen Unfreiheit, aber was soll man tun, wenn man Freiheit hat und immer noch nicht alles in Ordnung ist? Soll man gegen die Freiheit revoltieren?

Ich denke, dass die deutsche Kultur ein kompliziertes Verhältnis zu dieser Dimension der Freiheit hat: zu der Freiheit, die nicht nur innere Freiheit ist, sondern eine, die man innerhalb der Gesellschaft mit den anderen erlebt – aus Freude, mit den anderen zusammen in Freiheit zu sein.

Wenn man “Faust” liest – ein Werk, das als Fenster zur deutschen Kultur dienen kann –, kann man erfahren, wie philosophisch die deutsche Kultur ist. Wenn man dagegen die “Ahnen” von Mickiewicz liest – ein Drama, das in der polnischen Kultur die Position hat wie “Faust” in der deutschen –, dann sieht man, dass die polnische Kultur überwiegend politisch ist. Es ist eine ganz andere Art der Erzählung als “Faust“. Das Drama von Mickiewicz handelt von einer Verschwörung gegen den Zaren. Der Held möchte wie Werther romantisch in einer privaten Welt der Liebe bleiben, kommt stattdessen aber ins Gefängnis und entdeckt dort, dass sein Schicksal mit dem der Gesellschaft zusammenhängt. Anstatt wie Werther an der Liebe zugrundezugehen, wird er Anführer des Aufstands. Zuerst revoltiert er natürlich gegen sein Schicksal, streitet mit Gott darüber, aber dabei verwandelt er sich von jemandem, der privat lebt, in einen, der seine Freiheit nur in der Öffentlichkeit finden kann. Er verwandelt sich von Gustav-Werther zu Konrad-Freiheitskämpfer.

Manchmal denke ich, dass in der deutschen Kultur Freiheit nur ein Attribut der privaten Existenz ist – abgekoppelt von jeder öffentlichen Wirkung. Freiheit aber können wir nur gemeinsam mit anderen erleben. Da ist die Freude der Freiheit, mit den anderen und in der Kunst. Kattis Bilder und ihre Biografie zeigen diese Kopplung. Danke, Katti, für deine Freude an der Freiheit.

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