Humor als Waffe gegen eingefahrene Stereotype im deutsch-polnischen Verhältnis

Interview mit Dr. Kazimirz Woycicki , Politologe und Historiker an der Universität Warschau / Uniwersytet Warszawski

(27. November 2011 / Bunzlau)

 Kirsten Becker: Was sind die typischen Stereotype, die eventuell auch Verbindung verhindern, worin bestehen die Widerstände, diese Stereotype aufzulösen und wie sind sie entstanden?

 Da gibt es alte und neue Stereotype. Alte Stereotype sind im 19. Jahrhundert entstanden. Manchmal waren sie in Deutschland eine Erklärung für die Teilung Polens und für diese Situation, dass Polen nicht existierte. Polen als polnische Wirtschaft, polnischer Reichstag, Polen als Anarchie, Polen als eine Gesellschaft, die keinen Staat verdient, weil sie nicht wissen, wie sie sich regieren können und so weiter, alles solche Stereotypen.

Auf der polnischen Seite umgekehrt: Deutsche als ein Volk, das blind diszipliniert ist, militärisch sozusagen ohne eine individuelle moralische Basis usw., so gegenseitige Anklagen, die die damalige Situation wiederspiegelte. Polen hatte eine historische Nation, hatte jedoch keinen Staat. Und unter anderen waren die Deutschen oder um es präzise zu sagen die Preußen diejenigen, die diese Unabhängigkeit geraubt haben.

Dazu gab es noch so eine Vorstellung generell als Stereotyp: Polen wirtschaftlich, zivilisatorisch unentwickelt und die Deutschen viel weiter entwickelt mit ihrer Zivilisation, ihrer Technologie usw.. Wie es mit den Stereotypen ist, ist das alles vom Ton abhängig, ob das bösartig oder abschätzend ist. Manchmal sind solche Vorstellungen wahr, aber natürlich  sind der Ton und die Intention sehr wichtig, was man damit sagt.

Ich glaube, dass sich jetzt viel geändert hat.

Die Neuentwicklung der polnischen Wirtschaft ist nicht unbedingt die schlechteste Entwicklung in Europa, manchmal vermutlich viel besser als in Ostdeutschland.

Aber das Problem ist, ob man Stereotypen sinnvollerweise mit Fakten bekämpft. Ich bezweifle das. Man muss sehen, dass beide Kulturen, die polnische und die deutsche, sehr ähnlich sind. Wir essen ähnlich, die Ausstattung, die Architektur usw., wir haben sehr viele gemeinsame und identische Elemente. Historisch waren diese beiden Völker sehr gemischt, mit sehr vielen Deutschen polnischer Abstammung, umgekehrt sehr viele Polen mit deutscher Abstammung. Da waren sehr viele deutsch-polnische kulturelle Überschneidungen. Das muss man als Gegensatz zu allen diesen negativen Stereotypen sagen.

Heutzutage würde ich sagen, dass diese alten Stereotypen schon verblasst sind wegen der political correctness. Außerdem erleben die Leute die Situationen nicht mehr so. Deshalb wiederholt man sie ungerne, es sind allerdings vor allem im geschäftlichen Umgang einige neue entstanden: dass z.B. die Deutschen planen, die Polen improvisieren. Die Polen sagen alles höflich, aber zu höflich, die Deutschen sehr direkt, aber zu direkt, dadurch wirken sie manchmal arrogant, obwohl das nicht bewusst arrogant sein muss. Was aber bedeutet das? Diese Beobachtungen und neuen Stereotypen sind Beweise dafür, dass wir uns viel öfter treffen und uns genauer gegenseitig beobachten müssen. So wie alle Stereotypen sind sie nur zum Teil wahr, es sind allgemeine Beschreibungen, manchmal gibt es wie bei Steffen Müller und anderen schon den Ansatz, die Dinge ein bisschen humoristisch zu erzählen. Und ich würde sagen, dass Stereotype, auch negative Stereotype, auch ein Bestandteil der Kultur sind. Wir müssen keine Angst haben, sie zu benutzen. Die Frage ist: wie? Wenn wir die Stereotypen in Klammern setzen, sie interpretieren usw., muss das nicht unbedingt schlimm sein, das kann wie eine Erzählung der Geschichte sein, das war so. Wir haben uns gegenseitig so benommen, aber wir wissen, was z.B. schlecht war und können darüber jetzt ganz bewusst sprechen.

Ende der 90er Jahre gab es so eine Welle der Konferenzen über Stereotype, natürlich auch mit dem Ziel, diese schlimmen Stereotype zu bekämpfen. Das kann man natürlich unendlich machen – lustige aber auch bösartige Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert – Polen über Deutsche, Deutsche über Polen zeigen, sammeln und auswerten. Aber das lustigste war nach einigen Konferenzen, und das war immer ein begrenzter Kreis der Spezialisten, die sich damit beschäftigten, haben wir am Tisch gesessen und uns gegenseitig die schlimmsten Witze über die anderen erzählt. Und dadurch haben wir miteinander einen Weg gefunden. Wir waren alle Freunde, aber das ist vielleicht der beste Weg, diese Stereotype zu bekämpfen, indem man sie bewusst belächelt. Und so kann man das vermutlich als einen Bestandteil der Kultur betrachten. Wir können sogar sagen, ok, wie gut es ist, wir haben über uns gegenseitig damals schlimm erzählt, und jetzt sind wir fähig, offen miteinander zu sprechen und die Stereotype gerade damit zu bekämpfen.

K.B.: Also Humor als Weg, Stereotype zu bekämpfen und damit auch Widerstände gegeneinander aufzulösen?

 Genau! Humor und Ironie natürlich in bestimmten Grenzen ist eine gute Waffe gegen zu ernste und traurige Stereotype.

Kirsten Becker, Münster, arbeitet als Journalistin für den ARD-Hörfunk und Printmedien.

http://www.kirsten-becker.com

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