Deutsches und polnisches Preußen

[Zeitschrift fuer Ideengeschichte 2011 Weimar]

Die Verlegung der Hauptstadt nach Berlin wird sicher von enormer Bedeutung für die künftige Geschichte Deutschlands (Europas und Polens) sein. Früher oder später wird es zu einer Neuinterpretation der Geschichte Preußens und Mitteleuropas kommen, die Deutsche und Preußen so stark beeinflusst haben.[1]

Einleitung

Preußen war Hauptantriebsmotor der Einigung Deutschlands von 1870. Die außergewöhnliche politische Karriere des preußischen Staates, der von einem kleinen Fürstentum und polnischen Lehen innerhalb von kaum zweihundert Jahren im 19. Jahrhundert zu einer Weltmacht wurde, die erst Frankreich und dann Großbritannien herausforderte, musste Bewunderung wecken. Die verherrlichende Überhöhung der preußisch-deutschen Geschichtsschreibung ist daher leicht zu verstehen. Sie trug dazu bei, dass der „Geist Preußens” in hohem Maße als Wesen des Deutschen selbst angesehen wurde; wenn nicht unter allen Deutschen, so hatte das entstandene Stereotyp doch eine ungeheure Wirkungskraft.

Aus polnischer Perspektive sah das zwangsläufig völlig anders aus. Preußen war schuld an den polnischen Teilungen, und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde es zur Bedrohung Nummer eins. Der Machtzuwachs Preußens musste bei den Polen Sorgen um die Wahrung ihrer nationalen Identität wecken.

Die militärische, vor allem aber moralische Niederlage des Dritten Reiches wurde oft verstanden als Sieg über eben diese preußische Abwandlung des Deutschen und bedeutete in der Konsequenz die Auslöschung Preußens von der Landkarte Europas. Und natürlich bereitete dies den Polen Genugtuung, wenn diese auch, angesichts der schwierigen Situation nach 1945, sehr bitter war.

Auch innerhalb Deutschlands wurde Preußen für die deutsche Katastrophe verantwortlich gemacht und das sowohl im Westen als auch in Mitteldeutschland, das nun, gerade infolge von Preußens Niederlage, zu Ostdeutschland wurde, ein Begriff, den man als Synonym für die DDR zu benutzen begann. Paradoxerweise ging Polen aus dem historischen Ringen auf ganzer Linie siegreich hervor. Preußen, das für Polen eine tödliche Bedrohung gewesen war, verschwand von der Landkarte Europas, und sein Territorium kam zu einem großen Teil zu Polen.

Die Frage jedoch, wie die Geschichte Preußens zu verstehen ist und welchen Platz sie in den deutsch-polnischen Beziehungen einnimmt, ist geblieben und wird für diese Beziehungen auch weiterhin von Bedeutung sein.

Preußen und die Adelsrepublik. Was wäre gewesen, wenn?

Im Rahmen geschichtswissenschaftlicher Spekulationen und der unter Historikern momentan sehr beliebten Frage „Was wäre gewesen, wenn?“ kann man sich auch eine völlig andere Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen vorstellen. Solche Spekulationen sind nicht schwer zu begründen. Vor allem kann man sich Preußen als einen Teil Polens vorstellen, mit einer nur bescheidenen preußischen Komponente. Hören wir Michał Bobrzyński zu, einem der bedeutendsten polnischen Geschichtswissenschaftler des 19. Jahrhunderts:

Der nächstliegende Kandidat für den polnischen Thron, der Polen den größten Nutzen gebracht hätte, war der preußische Herzog Albrecht Friedrich, der 1568 seinem Vater Albrecht nachfolgte und 1569 auf dem Sejm von Lublin dem polnischen König feierlich huldigte. Hätte Polen ihm die Krone aufgesetzt, hätte es sich das Herzogtum Preußen für immer einverleibt und die Brutstätte des germanischen Hochmuts für immer zerstört. Aber der Herzog von Preußen, der unzweifelhaft der Nachfolger Sigismund Augusts geworden wäre, wenn in Polen die Reformation gesiegt hätte, war nach deren Niederlage untragbar. Sigismund August drängte ihn also noch mehr vom Thron fort, indem er ihm einen Platz im polnischen Senat verwehrte, und so stieß er die Huldigungsdynastie zurück und warf sie unbedacht Deutschland in die Arme. [2]

In Polen sieht man die sogenannte „preußische Huldigung” oft als einen der schwerwiegendsten strategischen Fehler der polnischen Politik des 16. Jahrhunderts an. Nach landläufiger Vorstellung endet der Kampf gegen den  Deutschen Orden (der mit dem Deutschen an sich gleichgesetzt wurde) nicht mit dem endgültigen Sieg, der in Reichweite gelegen hätte, sondern mit einer großzügigen Geste des polnischen Monarchen. Und jene so großmütig behandelten Hohenzollern sollten ein paar Jahrhunderte später zu Totengräbern des polnischen Staates werden.

Auf deutscher Seite vergisst man gewöhnlich die „preußische Huldigung“. Man vergisst, dass dank der in jener Zeit herrschenden religiösen Toleranz der polnische Monarch den beinahe ersten „protestantischen“ Staat in Europa anerkannte.    Der zitierte Text Michał Bobrzyńskis enthält im weiteren aus seiner Zeit heraus verständliche negative Bezeichnungen wie „germanischer Hochmut“. Preußen war seiner Meinung nach vor allem eine „germanische Brutstätte”, doch er deutet auch an, dass die Geschichte anders hätte verlaufen können. Der Historiker kann sich leicht eine Situation vorstellen, in der es auf die eine oder andere Weise zu einer Verbindung der beiden politischen Einheiten kommt – der in jener Zeit großen polnischen Adelsrepublik und dem damals noch kleinen Preußen.

Ganz sicher hätte dann die Geschichte Deutschlands wie auch die Polens einen völlig anderen Verlauf genommen. Die mit der kulturellen Expansion des Deutschtums verbundene deutsche Ostsiedlung hätte keinen politischen Rückhalt in einem ehrgeizigen preußischen Staat gefunden. Der Pluralismus der Adelsrepublik hätte neben der polnischen, litauischen, weißrussischen und ukrainischen auch eine deutsche Komponente gefunden, die stärker und deutlich sichtbarer geworden wäre. Wie sich dies auf die späteren Prozesse der Nationenbildung ausgewirkt hätte, ist müßig zu spekulieren. Lässt man sich auf diesen Gedanken ein, steht jedoch zu vermuten, dass Herder und Kant dann nicht nur Deutsch und Lateinisch, sondern auch Polnisch gesprochen hätten.

Ansatzpunkte für Spekulationen bietet auch das 18. Jahrhundert. Als Polen vor der Wahl seines Monarchen stand, nach der nicht sehr glücklichen Liaison mit den Wettinern, hätte es sich für den preußischen König entscheiden können. Diese Liaison hätte zwei extreme, aber einander ergänzende Elemente verbunden: das Republikanische des polnischen Adels mit der – für die damalige Zeit bemerkenswerten – Modernität des sich entwickelnden preußischen Staates. Zwei Interpretationen des Europäischen hätten sich in einem politischen Organismus begegnen können. Vielleicht hätten sich auch die Vorzüge beider Staatsgebilde ergänzt und ihre Nachteile aufgehoben. Der Wunsch nach einer modernen Ordnung hätte einem Aufblühen der Freiheit nicht im Wege gestanden. Preußen wäre in eine andere Richtung gegangen, hätte sich keinen autoritären Tendenzen gebeugt, und Polen hätte seine staatliche Existenz nicht verloren.

Wie wir wissen, ist auch dieses Mal nichts daraus geworden. Preußen und Polen waren zur gegenseitigen Feindschaft verurteilt. Im 19. Jahrhundert war es dann bereits müßig, über irgendeine Liaison zu spekulieren. Die herrschenden Gegensätze und die gegenseitige Feindschaft schließen solche Spekulationen aus, wenn sie sich innerhalb der Grenzen des gesunden Menschenverstandes bewegen sollen.

Die Kämpfe des 19. Jahrhunderts

Das 19. Jahrhundert schlug das konfliktreichste Kapitel in der Geschichte der preußisch-polnischen Beziehungen auf. Dabei lag der Vorteil klar auf preußischer Seite.  Preußen wurde zu einem der Totengräber der Polnischen Republik. Auch in Preußen musste diese Entscheidung gerechtfertigt werden, was zur Entstehung von antipolnischen Stereotypen wie „polnische Wirtschaft” oder „polnischer Reichstag” [3] führte. Mit der Zeit hörte man auf, die Polen und das Polentum als politische Subjekte anzusehen. Der Osten wurde zum Gegenstand der Kolonisierung, die moderne preußisch-deutsche Entwicklung sollte vollkommen obsiegen, was den zivilisatorisch „niedriger“ stehenden Polen ihre Identität nehmen sollte. [4]

Die Modernisierung im 19. Jahrhundert war jedoch mit vielen Widersprüchlichkeiten verbunden. Trotz der absoluten Vorherrschaft Preußens war das polnische Element nicht chancenlos, vor allem infolge bestimmter gesellschaftlicher Prozesse. Dies waren zum Beispiel die Industrialisierung und die mit ihr verbundenen demographischen Entwicklungen. Die deutsche Industrialisierung konzentrierte sich auf den westlichen Teil des Landes, insbesondere auf das Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens. Die Hauptströmung der innerdeutschen Migration lief in diese Richtung, so dass der Osten einen Teil seines deutschen Elements verlor. Das polnische Element hingegen wurde im preußischen Teilungsgebiet nicht schwächer, sondern gewann sogar an Bedeutung.

In Polen vergisst man das oft, denn die großen Züge der gesellschaftlichen Entwicklung werden von der Geschichte der sogenannten „Polonia” im Ruhrgebiet verdeckt. Man nimmt die Migration des polnischen Elements nach Westen wahr und unterschätzt dabei den Einfluss, den die Industrialisierung auf die deutsche Gesellschaft hatte. Sowohl im polnischen als auch im deutschen Bewusstsein migrierten die Polen nach Westen, und dabei übersieht man, dass diese im Osten proportional immer stärker wurden.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts tobte im polnischen politischen Diskurs ein Streit darüber, welche der Teilungsmächte man als Hauptfeind ansehen sollte. Anders formuliert, lautete die Streitfrage, mit wem man bis auf weiteres kollaborieren und wen man bekämpfen sollte. Die nationalen polnischen Aufstände waren vor allem gegen Russland gerichtet, doch wurde Preußen als immer gefährlicher angesehen, denn auf polnischer Seite sah man die Modernität des preußischen Staates und die Rückständigkeit des Zarenreiches. Dies erzeugte in Polen einen spezifischen Komplex gegenüber den moderneren und besser organisierten Deutschen, wobei hier zu ergänzen ist, dass für die meisten Polen der Kontakt mit dem Deutschen vor allem im Kontakt mit dem Preußischen bestand.

Wichtig ist auch, dass man auf polnischer Seite die Wiedererlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1918 vor allem dem bewaffneten Kampf zuschrieb und die Bedeutung von gesellschaftlichen Prozessen nur in geringem Maße wahrnahm. Zudem war der wiedererstandene polnische Staat gezwungen, Krieg gegen das bolschewistische Russland zu führen, und der Ruhm dieses Sieges wurde beinahe zum Gründungsmythos der Zweiten Polnischen Republik. Tatsächlich jedoch erlangten auch andere Völker wie Tschechen, Slowaken, Litauer oder Letten ihre Unabhängigkeit.[5] Diese Völker waren viel kleiner als das polnische und errangen ihre Unabhängigkeit keineswegs mit Waffengewalt. In allen Fällen bereiteten gesellschaftliche Prozesse den Boden dafür. Es zeigte sich, dass die Modernität, mit ihrem schnellen demografischen Wachstum, der Urbanisierung und Industrialisierung, der Volksschule und dem steigenden Bildungsniveau sowie dem, was man als demokratisches Bewusstsein bezeichnen kann, paradoxerweise in vielen Fällen den Schwächeren und nicht den Stärkeren zugutekam.

Wäre das bemerkt worden, wären vielleicht die polnischen Komplexe gegenüber Preußen wesentlich geringer gewesen. Es wäre aufgefallen, dass Preußen von Polen besiegt worden war, im Jahr 1918, aber auch schon viel früher. Höchstwahrscheinlich hätte ein solches Verständnis der Situation auch den preußischen Deutschen geholfen, das Ergebnis des Krieges leichter zu akzeptieren, zumindest im Osten. Doch dazu kam es nicht. Für Preußen mit seinen großen, im 19. Jahrhundert gewachsenen Ambitionen war eine Niederlage durch das von ihm unterschätzte Polen nicht akzeptabel. Man versuchte nicht, die alten antipolnischen Stereotype zu hinterfragen. Einen Antrieb dazu hätte Friedrich Naumanns Konzeption von „Mitteleuropa” geben können, trotz aller in ihr enthaltenen Zweideutigkeiten.[6] Doch niemand machte sich die Mühe, weiterzudenken und Schlussfolgerungen aus der erlittenen Niederlage zu ziehen. Ganz im Gegenteil. Der verletzte preußische Ehrgeiz wurde mit einer Stärkung antipolnischer Stimmungen und antipolnischer Stereotype kuriert. Die Wege Preußens und Polens gingen noch weiter auseinander.

Das Dritte Reich und Preußen

Die Zeit des Zweiten Weltkrieges veränderte das Stereotyp von Preußen in Polen nicht. Sie fügte ihm nichts hinzu, in gewisser Weise drängte sie es an den Rand. Der Deutsche konnte weiterhin stereotyp „Preuße” genannt werden, und das Deutsche an sich war das „Preußentum” – mit der ganzen verächtlichen Zweideutigkeit dieses Wortes – das negative Stereotyp des Deutschen drückte sich nun hingegen vor allem in dem Wort „hitlerowiec” [Hitlerist, Nazi] aus.

Obwohl in der kommunistischen Nachkriegspropaganda „Preußen” eindeutig mit dem Dritten Reich verbunden wurde, veraltete der Begriff „Preuße” immer mehr. Preußen gab es nicht mehr, und das Übel des Krieges wurde Deutschland angelastet und nicht einem Land, das von der Landkarte Europas verschwunden war und dessen Territorium nun mehrheitlich von polnischen Neusiedlern bewohnt wurde. Mit der Zeit begann Preußen sogar ein gewisses Sentiment zu wecken, als Landschaft der auf Dachböden gefundenen alten Postkarten, die mit einer geheimnisvollen Vergangenheit der Orte verbunden war, an denen ein beträchtlicher Teil der Polen seine Kindheit verbracht hatte. Die nicht eines gewissen Snobismus entbehrenden Kontakte zwischen einer preußischen Gräfin, die einen beträchtlichen Einfluss auf die intellektuelle Atmosphäre in Deutschland besaß und einem aus einer Bauernfamilie stammenden, nicht weniger einflussreichen polnischen Journalisten und Politikers vermittelten den Eindruck, mit manchen „Preußen” sei sogar einfacher klarzukommen als mit den anderen Deutschen. Spätere Kontakte bestätigten diesen Eindruck noch, um nur an für die deutsch-polnischen Kontakte so verdienstvolle Persönlichkeiten wie Christian Graf von Krockow oder Rudolf von Thadden zu erinnern.

Andererseits hatte sich auf preußischem Gebiet ein großer Teil der NS-Konzentrationslager befunden, und Preußen war Ort der Zwangsarbeit für Hunderttausende von Polen gewesen. Die durchschnittlichen Einwohner Preußens waren gegenüber Polen kein bisschen gnädiger gewesen als andere Deutsche. Stanisław Dulewicz, der erste Nachkriegsbürgermeister von Darłowo, der zuvor Häftling in Potulice gewesen war, war als Zwangsarbeiter nach Darłowo gekommen (das damals noch Rügenwalde hieß und in ganz Deutschland wegen der dort produzierten Wurst berühmt war). In seinen Memoiren beschreibt er die folgende Szene:

Sie besahen sich jeden Polen individuell, prüften die Kraft seiner Muskeln, schauten in die Augen und auf die Zähne. Das ging natürlich nicht ohne kräftiges Anpacken der Männer und Betatschen der Frauen vor den Augen ihrer Ehemänner, Väter oder Brüder. So wurde eine polnische Familie, ohne Rücksicht auf ihre Zusammengehörigkeit, von einem brutalen Deutschen auseinandergerissen. Er erlaubte nicht einmal, dass sich der Rest der Familie von dem, der als Arbeiter ausgewählt worden war, verabschiedete, und gab dem Mitarbeiter des Arbeitsamtes noch 20 Reichsmark für die Transportkosten. [7]

Ein solches Verhältnis zu Polen tritt jedoch nicht nur bei den deutschen Kleinbürgern der Provinz zutage, die sich einen polnischen Zwangsarbeiter kaufen. Es ist kein Geringerer als Hans Graf von Lehndorff, der in seinem „Ostpreußischen Tagebuch”, das ansonsten außerordentlich interessant zu lesen ist, die Leiden der Deutschen am Ende des Krieges beschreibt, dabei jedoch übersieht, dass sich in geringer Entfernung von seinem Besitz ein Konzentrationslager befand. [8]

Auch das „Ereignis” des Verlustes der Ostgebiete scheint im landläufigen deutschen Kollektivgedächtnis mit dem Jahr 1945 verbunden zu sein. In Wirklichkeit ist dies jedoch ein mit den Tragödien Dutzender Millionen Menschen und vieler Völker belasteter Prozess, an dessen Beginn nicht allein der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vom September, sondern auch der Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 stehen.[9] Mitteleuropa, wie es sich nach dem Ersten Weltkrieg infolge der Politik des amerikanischen Präsidenten Wilson und des Versailler Vertrages herausgebildet hatte, zerfiel infolge dieses Paktes als Gebilde unabhängiger Staaten erneut, diesmal für genau fünfzig Jahre. Seine Wiedergeburt erfolgte 1989. Die Tragödie Mitteleuropas, das unter der sowjetischen Herrschaft das Schicksal des „gestohlenen Europas” erlitt, wie Vaclav Havel es nannte, teilten auch jene Deutschen, die gezwungen wurden, im östlichen Teil ihres geteilten Landes zu leben. Diese Schicksalsgemeinschaft wurde jedoch in Deutschland nach 1989 nicht hinreichend wahrgenommen.[10]

Typisch für Mitteleuropa, auch für das, das sich nach dem Ersten Weltkrieg herausbildete, war ein Kulturengemisch, das die besondere Atmosphäre dieses Teils des Kontinents prägte. Polen, Ukrainer, Weißrussen, Juden, Deutsche und viele andere Nationalitäten und Volksgruppen lebten hier, trotz aller bestehenden Konflikte (die jedoch mit den Konflikten, die der Zweite Weltkrieg heraufbeschwor, unvergleichbar waren), seit Jahrhunderten nebeneinander. Der Völkermord durch Nazis und Sowjets sowie die Zwangsmigrationen während des Zweiten Weltkrieges setzten einen tragischen Schlussstrich unter diese Vielfalt. Jenes Ende Mitteleuropas war das Ergebnis einer bewussten Politik und Planung sowohl durch Stalin als auch durch Hitler. Der NS-Staat wollte „Lebensraum” für sich schaffen, Sowjetrussland sich mit einem Gürtel scheinsouveräner Satellitenstaaten umgeben.  Die mangelnde Auseinandersetzung mit diesem Thema erschwert der deutschen Seite das Verständnis dessen, was geschehen ist und die Erkenntnis der geschichtlichen Ursachen.

Preußen in den „Wiedergewonnenen Gebieten”

Das Motiv Preußens kehrte dank der DDR auch in Polen Der „Geist der DDR” passte in polnischen Augen auch gut zum Negativstereotyp des „preußischen Geistes”. Autoritarismus, die Abneigung gegen Polen, eine Untertanenmentalität, die bereit war, sich jeder Obrigkeit zu beugen, der Geist des Militarismus und das Handeln auf Befehl DDR zuzuschrieben – all dies waren Eigenschaften, die gleichermaßen stereotyp den Preußen wie den ostdeutschen Nachbarn zugeschrieben wurden.

In der Umgangssprache war ein Deutscher jemand aus dem Westen, der aus dem östlichen Teil hieß „DDRler” und erinnerte am stärksten an einen Preußen. Der größere Teil des alten, historischen Preußens gehörte nun zu Polen. Und ebenso machten diese Gebiete einen beträchtlichen Anteil des polnischen Staates innerhalb seiner neuen, durch den Krieg erzwungenen Grenzen aus.

Als Kind verbrachte ich in den fünfziger Jahren die Ferien in Masuren (das ist der polnische Name für den zu Polen gehörenden Teil Ostpreußens). Alles dort war geheimnisvoll, denn es war ehemals deutsch gewesen und eigentlich immer noch deutsch und erinnerte an den Krieg. Auf dem Hintersitz einer alten Zündapp sitzend, die mein Vater lenkte, stellte ich mir vor, aus dem Wald könnten versprengte Soldaten der Wehrmacht kommen, und die Ruinen von Hitlers Wolfsschanze in Kętrzyn (Rastenburg), die noch weit davon entfernt waren, zu der heutigen Touristenattraktion zu werden, waren Zeichen einer noch nicht fernen, düsteren Vergangenheit.

In Mikołajki hatten wir eine Gastgeberin mit Nachnamen Brosch. Es hieß von ihr, sie sei eine Autochthone. Eines Tages hörte ich zufällig mit an, wie in der Küche Deutsch gesprochen wurde. Erschrocken über meine Entdeckung lief ich damit zu meinem Vater. Dieser sagte, ich solle niemandem davon erzählen. Vielleicht hatte er Angst, das könnte unseren Gastgebern schaden. An diese Episode erinnere ich mich, auch wenn sie ohne größere Bedeutung ist.

In Stettin, der Stadt also, die den Beginn ihrer gegenwärtigen Karriere eben den Preußen verdankt, hörte ich viele, viele Jahre später den folgenden, vielsagenden Witz. Ein junger Mann fuhr zum ersten Mal nach Berlin. Als er zurückkehrte, wurde er nach seinen Eindrücken gefragt. Er habe sich wie zu Hause gefühlt, erwiderte er, denn dort sei ebenso wie bei uns in Stettin alles so „ehemals deutsch“. Dieser selbstironische Stettiner Witz sagt viel über die dortige Atmosphäre.

Tatsächlich kann man in den an Polen angeschlossenen Nord- und Westgebieten dem Kontakt zum „ehemals Deutschen” nicht entgehen. Ein Drittel Nachkriegspolens liegt auf ehemals deutschem Gebiet. Diese Bezeichnung ist jedoch bis zu einem gewissen Grad ungenau. Ein beträchtlicher Teil von dem, was Polen gern „ehemals deutsch” nennen, ist in Wirklichkeit „ehemals preußisch”, doch lange Zeit war alles Preußische in polnischen Augen vor allem deutsch gewesen.

Die kommunistischen Machthaber wollten davon natürlich nichts wissen. Die „Wiedergewonnenen Gebiete“ in Besitz zu nehmen war ein wichtiger Faktor für die Legitimation der kommunistischen Macht. Es war allgemein verständlich und sogar offizielle Sprachregelung, dass die Ostgebiete der Zweiten Polnischen Republik unwiederbringlich verloren waren, deshalb war die Inbesitznahme der Westgebiete für die Existenz des polnischen Staates (unabhängig davon unter wessen Herrschaft) entscheidend, und zwar unter dem Aspekt dessen, was akzeptabel war und nicht, was man sich erträumte. Man sprach von den „Wiedergewonnenen Gebieten”, obwohl etwas später offiziell der Begriff „Nord- und Westgebiete” bevorzugt wurde. Die Bezeichnung „Wiedergewonnene Gebiete” – kürzer und in gewisser Weise präziser, denn damit war klar, dass es um die ehemals deutschen Gebiete ging – wurde jedoch angenommen und bürgerte sich ein. Diese Gebiete sollten „wiedergewonnene” sein, weil im frühen Mittelalter ein Teil von ihnen zum polnischen Piastenstaat gehört hatte. Hier lagen im 10. und 11. Jahrhundert die Anfänge polnischer Staatlichkeit, und auf diese „piastischen” Ursprünge wollten sich die Kommunisten berufen. Die katholische Kirche sprach ebenfalls von den piastischen Gebieten und unterstützte ihre Einverleibung. Sie hatte keine große Wahl, denn nach dem Verlust der Ostgebiete konnte man sich der Zugehörigkeit dieser Gebiete zu Polen nicht widersetzen. Zudem erfüllte in der überaus schwierigen Nachkriegssituation die „piastische Idee” in gewisser Weise eine integrative Funktion für diejenigen, die sich dort ansiedeln mussten. Die deutschen „Vertriebenen“ im Westen konnten sich in unterschiedlichster Weise organisieren, was ihrer Integration förderlich war. Die polnischen Aussiedler aus dem Osten hatten diese Möglichkeit in keiner Weise. Sie wurden übrigens offiziell „Repatrianten“ genannt, also Menschen, die aus dem Ausland in ihre Heimat zurückkehrten. Das erinnert ein wenig an die Situation in der DDR, wo die Umsiedler als „Neubürger“ definiert wurden. Die „piastische Idee”, selbst wenn sie nicht sehr überzeugend war, wurde als Möglichkeit akzeptiert, für eine dramatische Situation Worte zu finden.

Die Kommunisten wiederholten auch unablässig, die „Wiedergewonnenen Gebiete” würden die Polen eben ihnen und der Sowjetunion verdanken. Und die Freundschaft zur Sowjetunion bilde auch die Garantie dafür, dass die Deutschen den Polen diese Gebiete nicht wieder wegnehmen könnten. Dieses Argument besaß tatsächlich bis zu einer bestimmten Zeit eine gewisse Glaubwürdigkeit. Tatsächlich brauchten die polnischen Kommunisten die deutschen „Revisionisten“ dringend.

In den siebziger Jahren stand die jüngere Generation in Polen der piastischen Legende immer kritischer gegenüber. Nach dem Grundlagenvertrag von 1970 wurde es auch immer schwieriger, die „Revisionisten“ als Schreckgespenst zu benutzen. Das in den siebziger Jahren entstandene Museum der Eroberer des „Ostwalls“, wo auf dem Eingangsrelief piastische Soldaten hinter einem Schwarm von T-52-Panzern vorrücken, wirkte schon im Moment seines Entstehens lächerlich. Errichtet wurde es zu Ehren solcher Militärs wie etwa General Jaruzelski, die ihre militärischen Biographien dramatisieren mussten, um in ihrer kommunistischen Parteikarriere voranzukommen.

Die jüngere Generation fühlte sich schon so heimisch, dass sie es nicht mehr nötig hatte, sich auf die „Piastenlegende“ zu stützen. Mehr noch, zum Beweis für das Heimischwerden wurde der Wunsch nach einem besseren Verständnis der lokalen Umgebung, wofür man gerade Wissen über die deutsche Geschichte benötigte. Aus verständlichen Gründen …

Ein wichtiges Signal für die sich verändernde Atmosphäre war die Monographie „Prusy. Dzieje państwa i społeczeństwa” [Preußen. Geschichte des Staates und der Gesellschaft] von Stanisław Salmonowicz, die noch vor 1989 herauskam. Das Preußen, das in diesem Buch beschrieben wurde, war nicht mehr Inbegriff der Feindschaft, und der Autor begriff auch die Entwicklung des preußischen Staates als teilweise auf den Idealen der Aufklärung basierend und in diesem Sinne als die eines modernen Staates. Vor 1989 war das etwas Neues in Polen, sich auf diese Weise zur Geschichte Preußens zu äußern.[11]

Die piastische Ideologie wurde von den Kommunisten (jedoch nicht mehr von der Kirche) der „jagiellonischen Idee” gegenübergestellt, also der Zeit des 15.-17. Jahrhunderts, die die „goldene Epoche“ der Adelsrepublik bildete. Diese Zeit musste von der kommunistischen Geschichtspolitik aus vielerlei Gründen in den Hintergrund gedrängt werden. Unpassend war der Gegensatz zum Moskauer Staat, der sich in jener „goldenen Epoche“ entwickelte, vor allem aber erinnerte das jagiellonische Polen an die verlorenen Ostgebiete der Zweiten Polnischen Republik. Dieses Thema war jedoch in der Volksrepublik ein fast völliges Tabu, zusammen mit dem gesamten Komplex des Hitler-Stalin-Paktes. Dieser wurde in der Volksrepublik Ribbentrop-Molotow-Pakt genannt, was ihn gewissermaßen seine Bedeutung beraubte, denn er hörte auf, der Pakt zweier Diktatoren zu sein.

Die Besiedlung der nach dem Krieg an Polen angeschlossenen Gebiete war jedoch auch außerordentlich schmerzhaft und beschwerlich. Die Kommunisten stellten sie als triumphale Rückkehr in ehemals eigenes Land dar. In Wirklichkeit waren die Bedingungen, unter denen man dort leben musste, überaus schwierig. Deshalb sind die Erklärungen mancher Vertreter der Vertriebenenverbände heute so irritierend, wonach die Polen ihre Ausdehnung nach Westen angeblich geplant hätten. Und manche behaupten, sie hätten dies sogar seit 1848 getan. Solche Äußerungen müssen Irritationen hervorrufen, nicht nur wegen der Ignoranz, von der sie zeugen, sondern auch wegen der völligen Geringschätzung des Schicksals der polnischen Nachbarn nach dem Krieg und des fehlenden Verständnisses für ihre Situation durch die deutsche Seite. [12]

Die deutsche Seite wird immer Schwierigkeiten haben, das Verhältnis der Polen zu den ehemaligen deutschen und heute polnischen Gebieten einschließlich Preußens zu verstehen, wenn sie den Verlust der polnischen Ostgebiete außer Acht lässt. Übrigens gibt es hier sowohl starke Analogien als auch starke Unterschiede zum Verlust des deutschen Ostens. In gewisser Weise hat sich das, was in der Zweiten Polnischen Republik östlich gewesen war, nicht nach Zentralpolen, sondern gerade in die im Westen neu gewonnenen Gebiete übertragen. Eine Stadt, deren Geist man ohne diesen Aspekt wohl überhaupt nicht verstehen kann, ist Breslau. Dabei geht es nicht nur um die typische Sprachmelodie des Lemberger Dialekts, die heute noch im Polnisch der Breslauer vernehmbar ist. Die Breslauer Universität ist gewissermaßen die Fortführung der Lemberger Jan-Kazimierz-Universität (so wie sie auch die Erinnerung an die alte deutsche Universität Breslau pflegt). Das ebenfalls dort ansässige Ossolinski-Institut, eines der angesehensten polnischen Kultureinrichtungen, wurde im 19. Jahrhundert in Lemberg begründet und konnte nach 1945 mitsamt seiner Bestände glücklich nach Breslau überführt werden.

Trotz dieser schwierigen Umstände wurde der Verlust der Ostgebiete zum Gegenstand kritischer Reflexion im unabhängigen polnischen Diskurs der Nachkriegszeit. Dies geschah vor allem dank des Umfeldes der polnischen Monatszeitschrift „Kultura“ im Pariser Exil[13]. Diese Gruppe ehemaliger polnischer Konservativer stammte großenteils aus Wilna. Sie vertraten die Ansicht, der Verlust der polnischen Ostgebiete sei irreversibel, und man müsse sich damit abfinden, wegen der Notwendigkeit der Herstellung guter Beziehungen zu den zukünftig unabhängigen Staaten und Völkern Litauens, Weißrusslands und der Ukraine. Der Einfluss dieses Schreibens auf den unabhängigen polnischen politischen Diskurs und in der Folge auf die Herausbildung einer polnischen Außenpolitik nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1989 war enorm und weitreichend.

Wichtiger noch war die Publizistik in Polen selbst. Großen Einfluss hatte dabei Jan Józef Lipski, insbesondere als Autor des berühmten Essays „Zwei Vaterländer – zwei Patriotismen”.[14] In den achtziger Jahren erschienen im „zweiten Umlauf” die Spezialzeitschriften  „Obóz” [Das Lager] und „ABC” [Abkürzung für Adria, Ostsee, Schwarzes Meer], die sich der polnischen und europäischen Ostpolitik widmeten. Gleichzeitig wurde eine Versöhnung mit Deutschland angestrebt

Der nahenden Zeitenwende von 1989, die nicht nur politisch, sondern in hohem Maße auch intellektuell von der polnischen Opposition vorbereitet worden war, gingen Veränderungen sowohl im Verhältnis zu den verlorenen Ostgebieten als auch zu den neu erworbenen Westgebieten voraus. Das eine bedingte das andere. Die Frage des Verhältnisses zu Preußen konnte allerdings bei diesem Prozess kaum eine besondere Rolle spielen.

Das „Atlantis des Nordens”

Fast ein halbes Jahrhundert „Kalter Krieg” hatte dazu beigetragen, dass man Preußen fast vergessen hatte. Doch so leicht lässt sich die historische Erinnerung nicht auslöschen. Das Echo Preußens meldete sich nach 1989/90 und nach der deutschen Wiedervereinigung.[15]

Im Herbst 1989 nahm ich in Słupsk (Stolp) an einem sehr bewegenden Abend teil, nämlich der Vorstellung des Buches „Die Stunde der Frauen“ von Christian Graf von Krockow. Dieses Buch war zuerst ins Polnische übersetzt und dann im „Untergrund“ herausgegeben worden, das heißt in einem unabhängigen polnischen Verlag, außerhalb der Kontrolle der kommunistischen Behörden. Anwesend war auch der Autor. Alle waren zutiefst ergriffen, als das Fragment über die Geschichte seiner Schwester Libusa vorgelesen wurde und sich zeigte, wie gut dieser Abkömmling preußischer Junker die polnische Situation verstand. Man muss sich bewusst machen, welche Befriedigung den polnischen Teilnehmern jenes Treffen bereitete.

Im Übrigen ist die Galerie der polenfreundlichen Nachkommen von Junkerfamilien noch länger. Neben Marie von Doehnhoff sind dies etwa der Polen stets freundlich gesinnte Rudolf von Thadden und auch Klaus von Bismarck, der den polnischen Bauern Bildung vermitteln wollte. Sein Beitrag „Moja ziemia rodzinna, która teraz jest w Polsce” [Meine Heimat, die jetzt in Polen liegt] ist ein berührender und kluger Text über das verlorene väterliche Gut.

Das Treffen in Stolp/Słupsk war polnischerseits keineswegs eine Ausnahme. Die jüngere Generation interessiert sich allgemein für die deutsche Vergangenheit, die sie mehr oder weniger bewusst als ihre eigene Vergangenheit anzusehen begonnen hat. Dabei geht es nicht mehr um alte deutsche Postkarten, die frühere Ansichten heute polnischer Städte zeigen, sondern um wesentlich ernsthaftere Dinge, die an vielen Orten thematisiert werden. Nach meinen eigenen Beobachtungen dreht es sich dabei um lokale Treffen und konkrete Orte, und obwohl vieles davon in den ehemals preußischen Gebieten geschieht, ist nicht Preußen das vorherrschende Thema dieser Treffen.

Nach 1989 wurden die nach 1945 an Polen angeschlossenen Gebiete, dank der durch die demokratische Wende nun möglichen Erkundung des Lokalen, nicht mehr nur als „ehemals deutscher” Block angesehen, sondern differenzierter und individueller wahrgenommen. Das machte es möglich, auch das „Preußische“ auf völlig neue Weise wahrzunehmen. Ein wichtiges Zeichen für dieses neue Denken war, dass eine Gruppe von Intellektuellen aus Olsztyń ihren Verein „Borussia” nannte. Alte Komplexe, dies wurde damit deutlich, waren überwunden. Mit der Zeit sollte gerade diese Gruppe das Konzept eines offenen Regionalismus entwickeln und einen nicht geringen Einfluss auf das polnische Kulturleben ausüben. Es ist kaum als reiner Zufall anzusehen, dass dieses Konzept gerade in Olsztyń in Konfrontation mit dem ehemaligen Preußen entstand, für das die jungen Intellektuellen Schlüssel zum Verständnis und Interpretation suchten. Die komplexe Situation in Schlesien wäre für die Entwicklung eines solchen Konzepts weniger günstig gewesen. In Olsztyń stellte der schon fast vergessene Erzfeind Preußen mit seinem Erbe eine ernsthafte Herausforderung dar, als die deutsch-polnische Versöhnung zum Ziel wurde. Zugleich war das ein inneres polnisches Problem, wie man etwas benennen sollte, das Symbol von Feindschaft gewesen war und das nun gewissermaßen als Eigenes angesehen werden musste. Daher wurde das von der polnischen „Borussia“ vorgeschlagene Konzept offener Regionalismus genannt, denn es musste ein Regionalismus sein, der über die Grenzen des Eigenen hinausreichte. Ein irgendwie gearteter intellektueller oder buchstäblich verstandener Provinzialismus hätte das Entstehen eines polnischen Regionalismuskonzeptes in den ehemaligen preußischen Gebieten unmöglich gemacht.

Das Denken an die Vergangenheit wird nicht nur durch die Forschung, sondern auch von der Phantasie angeregt. Eher von der Vorstellungskraft als von Forschungsergebnissen geprägt war eine scheinbar banale, aber sehr wichtige Ausstellung, die von der „Borussia“ organisiert wurde. Sie zeigte Fotos aus dem alten Ostpreußen, die in polnischen Archiven erhalten geblieben waren. Ihr Initiator war der Dichter Kazimierz Brakoniecki und der poetische Titel, unter dem sie stand, war das Wichtigste und am meisten Inspirierende daran: „Das Atlantis des Nordens“.  Das nicht mehr existierende Preußen, dessen Kultur von den Polen wie „Atlantis” wiederzufinden und zu entdecken sei, das war ein völlig neuer Zugang und eine ungeheuer anregende Vorstellung. Dank dieser Ausstellung erschien das Thema Preußen in einem völlig neuen Kontext.

Im späteren Schaffen von Kazimierz Brakoniecki taucht die Frage nach dem Verständnis des Ortes auf, an dem man aufgewachsen ist und der zugleich in gewisser Weise völlig fremd ist – und dabei geht es gerade um das Preußische. In seinem letzten, stark autobiografischen und teilweise sehr persönlichen Buch „Polak, Niemiec i Pan Bóg” [Pole, Deutscher und Herrgott] handelt er diese Erfahrung in einer philosophischen Dimension ab:

Dass nach meiner Rückkehr nach Olsztyń vor meinen Augen das Atlantis des Nordens auftauchte, hatte nichts mit einer Vergötterung des Lokalen, des ostpreußischen Erbes zu tun, sondern mit der Anerkennung der grundlegenden Tatsache, dass ich kritischer Erbe – und nicht nur zufälliger und vorübergehender Verwalter – eines größeren historischen Gedächtnisses und einer größeren historischen Kultur war, als dies die Propaganda der Volksrepublik Polen oder der BRD hatten wahrmachen wollen. Jedes Mal wenn ich den Kopf senkte, tauchten auf dem Gehsteig die Kanaldeckel mit der Aufschrift „Allenstein” auf. […] Bei jedem Kirchgang sah man deutsche Glasfenster, Buchstaben, Sprüche, Bildunterschriften. […] Das Atlantis des Nordens tauchte aus den Fluten des Vergessens auf. Ähnlich wie die polnischen Aufschriften, Epitaphe, Friedhöfe, Schilder, Gebäude in Lemberg, Wilna und Grodno.[16]

Das Konzept eines Atlantis des Nordens ist der philosophische Versuch, mit einer Vergangenheit fertigzuwerden, die unsere Identität und unsere Haltung zu uns selbst und zu anderen prägen soll – einer Vergangenheit, die immer wieder von neuem hochkommt und die man nicht dauerhaft einhegen kann. Deshalb kann die als Atlantis des Nordens wiederentdeckte Borussia zum Ort der Begegnung von Polen und Deutschen werden, nicht nur, um das Ritual der deutsch-polnischen Versöhnung zu vollziehen – eines Rituals, das ich ansonsten keinesfalls geringschätzen möchte.

Vertrieben und „vertrieben”

Nach Polen kommen heute keine Preußen mehr, jedenfalls nicht in der polnischen Wahrnehmung. Nach Polen kommen „Vertriebene”. So werden sie wahrgenommen, ohne zu differenzieren, woher aus den ehemals deutschen Gebieten sie stammen. In diesem Sinne bemerkt man die ehemaligen Preußen nicht. Und obwohl die „Vertriebenen” in den deutsch-polnischen Beziehungen oft als Schreckgespenst dienen, ist das zumindest kein eindeutig negativer Begriff.

Tatsächlich ist ein Pole, der in der Ortschaft X lebt, die vor dem Krieg von deutscher Bevölkerung bewohnt war, höchstwahrscheinlich an der Erzählung eines von dort stammenden Deutschen interessiert. Auch die Wiedergabe von Erzählungen der Eltern oder Großeltern können von Interesse sein, soweit es „Vertriebene“ der jüngeren Generation betrifft. [17]       Es kommt auch häufig zu solchen Treffen, obwohl diese schlecht dokumentiert sind. Niemand hat wohl systematisch zu erforschen versucht, welche Rolle sie bei der deutsch-polnischen Annäherung nach 1989 gespielt haben. Meine Forschungshypothese würde lauten, dass es eine überaus positive Rolle gewesen ist. Beide Seiten brauchten sich gegenseitig. Gespräch und Begegnung heilten das Trauma, auch wenn dieses auf beiden Seiten unterschiedlicher Natur war. In den neunziger Jahren gab es einen enormen Fortschritt in den deutsch-polnischen Beziehungen. Das Thema Preußen verschwand aus dem Blickfeld, zumindest in dem Sinne, dass heute der Begriff „Preuße” nicht mehr als Synonym für einen bösen Deutschen gebraucht wird.

Auch Themen wie die verlorenen Gebiete oder der Kontakt zwischen den polnischen und deutschen Umsiedlern waren ständig in diesem Dialog präsent und wurden zum Gegenstand der Versöhnung, manchmal auch von Irritationen. Trotz allem kann von einem Paradigmenwechsel bei der Wahrnehmung Polens nicht die Rede sein. Polens Bild in Deutschland verbessert sich, doch es geht eher um ein langsames Verschwinden der negativen Stereotype und der gleichgültigen Distanz als um neues Interesse. Eine Faszination an Polen sehe ich nur manchmal unter den Absolventen der Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), die als deutsch-polnische Hochschule gilt, obwohl sie auch als preußisch-polnische angesehen werden könnte. Keinen geringen Anteil daran hat daran die Präsidentin Gesine Schwan, für die Polen eine Quelle der Inspiration ist und die viel dazu beigetragen hat, dass Polen und Deutsche sich besser verstehen.

Meiner Ansicht nach hat die Langsamkeit, mit der sich die Einstellungen der Deutschen gegenüber Polen und den Polen verändern – obwohl ich noch einmal betonen möchte, dass diese Veränderungen für mich in die richtige Richtung gehen – mit dem fehlenden Nachdenken auf deutscher Seite über die Bedeutung des Verlusts der Ostgebiete zu tun. Ein solches Nachdenken konnte es lange Zeit bis 1989 praktisch nur im Westen, in der Bundesrepublik Deutschland geben. Die Umsiedler, die mit der Zeit den dramatischen und fast biblisch anmutenden Namen „Vertriebene” erhielten, konnten sich frei organisieren und schufen sich aus verständlichen Gründen eine starke politische Lobby. Sie wollten sich mit dem Verlust ihrer Heimat nicht abfinden, was eine gewisse Zeit lang verständlich war unter Menschen, die eine solche Erfahrung machen mussten.[18] Ganz sicher hätten sich die polnischen „Vertriebenen“ aus Lemberg oder Wilna in ihrer überwiegenden Mehrheit genauso verhalten, wenn sie nach dem Krieg ein Stimmrecht in diesen Dingen gehabt hätten.

Ein wesentlicher Faktor scheint dabei zu sein – ich erlaube mir hier eine kurze Anmerkung – dass die Politik Bonns davon ausging, es würde zu Verhandlungen über den Abschluss eines Friedensvertrages kommen, wie es die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz angekündigt hatten. Die Frage, wie diese unerfüllbare Erwartung – wie wir wissen, hatte Europa seine Angelegenheiten ohne einen solchen Vertrag geregelt – die deutsche Innenpolitik und das Umfeld der „Vertriebenen” beeinflusst hätte, müsste gründlich erforscht werden. Die Vermutung liegt nahe, dass man Argumente für solche Verhandlungen sammelte. Selbst wenn man nur die deutsche Wiedervereinigung erreichen wollte und nicht wenigstens die teilweise Rückgabe der verlorenen Ostgebiete, hätte es die eigene Position geschwächt, diese von vornherein für verloren zu erklären. Ein zweiter wichtiger Faktor ist wohl, dass man den Hauptverhandlungspartner nachvollziehbarerweise in Moskau erblickte. Daher konnten etwaige Zugeständnisse zugunsten Deutschlands nur auf Kosten Polens gemacht werden, denn man durfte kaum erwarten, dass Moskau etwas abtrat, was es sich bereits einverleibt hatte. In der reichen Literatur über die ehemaligen deutschen Ostgebiete – die heute nur noch von historischer Bedeutung ist – fällt auf, dass die an Polen gefallenen Gebiete im Vordergrund stehen, während das an Russland angeschlossene Gebiet (Nordostpreußen mit Königsberg) kaum thematisiert wird, was insoweit verständlich erscheint, als es wahrscheinlicher war, einem nicht souveränen Polen etwas abhandeln zu können, als dem Hegemon Moskau. Dieser allgemeine politische Rahmen begünstigte die Entwicklung einer neuen Sicht auf Polen nicht.

Bei der Durchsicht der von Theodor Schieder zusammengetragenen und herausgegeben Dokumentation über die Zwangsaussiedlungen kann man den Eindruck gewinnen, dass die Polen von den umgesiedelten Deutschen noch wesentlich schlimmer erlebt wurden als die Russen selbst und dass die Polen die Deutschen schlechter behandelt hätten als die Russen. [19] Ein ähnlicher Eindruck drängt sich auf bei der Lektüre eines großen Teils der Erinnerungen deutscher Vertriebener. Die Russen stellen sich als respekteinflößend und bedrohlich dar, können aber auch freundlich und hilfsbereit sein, die Polen hingegen erwecken keinen Respekt, verdienen den Sieg nicht, den sie sich zu Unrecht zuschreiben und sind die Quelle größten Unglücks. Diese Literatur würde sicher umfangreichere Studien unter dem Gesichtspunkt der deutsch-polnischen Beziehungen erfordern. [20] Dabei müsste man zwei Fragen berücksichtigen. Das damalige Bild dieser Beziehungen in den Jahren 1945-1948 und wie es sich heute immer noch darstellt. Die letztere Frage ist immer noch aktuell. [21]

Der Dialog mit den ehemaligen deutschen Einwohnern muss manchmal, obwohl in ihm viel Gutes geschieht, auf polnischer Seite auch Enttäuschung hervorrufen. Deutsche, die ihre (ehemalige) Heimat besuchen, erzählen gern von ihren eigenen Erlebnissen und Leiden, scheinen hingegen oft fast nichts zu wissen und gleichgültig zu sein gegenüber den Leiden der Menschen, mit denen sie zusammentreffen und die ihnen nun Jahrzehnte nach dem Krieg gut bekannt sein sollten. Die deutschen Umsiedler wurden nicht aus dem Paradies vertrieben, sondern aus deutschen Provinzen unter NS-Herrschaft, mit Konzentrationslagern, mit einer Bevölkerung, die von der Zwangsarbeit Hunderttausender Menschen lebte. Allein in Pommern – und das erwähnt Sybille Dreher, jahrelang Vorsitzende des Frauenverbandes im Bund der Vertriebenen, nicht, als sie die Briefe der Frau Buchheim kommentiert – gab es 250.000 Zwangsarbeiter[22]. Die BdV-Funktionärin betont zu Recht die Leiden der deutschen Frauen, die der Fürsorge ihrer Männer beraubt waren und stellt fest, das Leiden sei über sie gekommen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wie jedoch aus Materialien hervorgeht, die sie nicht berücksichtigt hat, hielt eine der tatsächlich einsamen Frauen, die in den Briefen von Anita Buchheim erwähnt wird, ihren Zwangsarbeiter Dulewicz, den ich bereits erwähnt hatte, über ein Jahr lang im Keller.[23]In Polen bemühte man sich insbesondere nach 1989 um Beispiele für die „guten Deutschen” in diesem für die deutsch-polnischen Beziehungen so tragischen Zeitraum der Jahre 1939-45. Bekannt war seinerzeit Jan Turnaus Buch „Dziesięć sprawiedliwych” [Zehn Gerechte]. Leider ist bezeichnend, dass in Deutschland im Kontext des Zeitraums 1945-48 keinerlei seriöse Bücher über zehn gerechte Polen herausgegeben wurden, die den ausgesiedelten Deutschen halfen, obwohl sich diese ohne jede Schwierigkeit und leichter als jene zehn gerechten Deutschen aus der Zeit von 1939-45 hätten finden lassen.

In Deutschland hat keine breite öffentliche Debatte über Polen und das deutsch-polnische Verhältnis stattgefunden, die etwa mit dem Historikerstreit zu vergleichen gewesen wäre. Das ausgezeichnete Buch „Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik” von Martin  Broszat ist als Versuch eines vollkommen neuen Blicks auf den östlichen Nachbarn Deutschlands leider eine fast völlige Ausnahme. Leider gehört es ebenfalls nicht zum deutschen Kanon der Bücher über Polen, obwohl Martin Broszat selbst ein Klassiker der deutschen Zeitgeschichtsschreibung ist. Seit Jahren hat es keine wichtigen Neuerscheinungen mehr zu verzeichnen oder gibt auch nur Anstöße für kontroverse Diskussionen. Das Verhältnis zu Polen, dem polnischen Element und seiner Präsenz in den ehemaligen deutschen Ostgebieten hat in Deutschland niemals bedeutenden Raum eingenommen. Die Romane von Günter Grass oder Siegfried Lenz machen, obwohl sie den Verlust der Heimat aufgreifen, das Verhältnis zu den Polen nicht zum Thema. Große Schriftsteller haben die eigene deutsche Geschichte aufgearbeitet, nicht jedoch ihre Einstellung gegenüber dem Nachbarvolk. Und es ist schwierig, einen guten und populären Nachkriegsroman zu finden, der dieses Thema behandeln würde, insbesondere im Zusammenhang mit Preußen. Paradoxerweise ist der einzige Schriftsteller, dem man den Willen zu solch grundlegenden Reflexionen nachsagen könnte, wohl der unterschätzte Johannes Bobrowski, dessen Bücher in der DDR publiziert wurden. Für die Deutschen und ihre politische Kultur wurde der Verlust ihrer Ostgebiete – wie es scheint und was auch Thema der deutsch-polnischen Diskussion sein sollte – nicht zu einem großen Impuls, das Verhältnis zu ihren unmittelbaren Nachbarn zu überdenken.

Zwischen der Nachkriegsgeschichte Polens und Deutschlands gibt es wichtige Ähnlichkeiten, neben vielen wichtigen Unterschieden. Beide Länder verloren ihre „Ostgebiete“ und wurden dadurch nach Westen verschoben. Für Deutschland war diese Verschiebung mit dem Verlust des historischen Ostdeutschland verbunden, für Polen mit dem Verlust Ostpolens und zugleich mit dem Zugewinn neuer Gebiete im Westen. Dies provoziert die Frage, wie sich infolge dieser Ereignisse in beiden Fällen die Wahrnehmung der östlichen Nachbarn verändert hat – im deutschen Fall vor allem die Wahrnehmung Polens und der Polen [24], im polnischen Fall die der Ukraine, Weißrusslands und Litauens.

Wer die Ähnlichkeit des polnischen und deutsches Verlustes der Ostgebiete wahrnimmt,[25] bemerkt sofort, dass ein Teil der deutschen Seite diese Analogie entweder nicht wahrnimmt oder sie bestreitet. In Frage gestellt wird vor allem die Formulierung „Westverschiebung” in Bezug auf Deutschland. Demnach sei Deutschland nicht nach Westen verschoben worden, sondern habe nur seine Ostgebiete verloren. In BdV-Kreisen stößt man auch auf die Meinung, dass Polen eigentlich nichts verloren habe, da die Polen in den östlichen Gebieten der Zweiten Polnischen Republik in der Minderheit gewesen seien und als die tatsächliche Grenze Polens von Anfang an die Curzon-Linie hätte bezeichnet werden müssen. Interessanterweise wollen diese Leute die polnische Ostgrenze nicht Linie des Hitler-Stalin-Paktes nennen.

Wenn es tatsächlich so ist, dass sich das polnische Verhältnis zu den unmittelbaren östlichen Nachbarn geändert hat, an die die eigenen historischen Ostgebiete verloren gingen, sich jedoch das deutsche Paradigma nicht geändert hat, dann stellt sich immerhin die Frage, warum dies so gekommen ist. Ich glaube, dass den Polen eine solche Veränderung aus vielen Gründen leichter gefallen ist als der deutschen Seite. Die lange Phase, in der es praktisch unmöglich war, das Thema der verlorenen Ostgebiete anzusprechen, trug zur Dämpfung der vorher oft negativen Emotionen bei. Der Verlust der Ostgebiete wurde angesichts des wesentlich größeren Unglücks, das die verlorene Souveränität Polens nach 1945 darstellte, als unwiderruflich empfunden. Nach 1989 war es leicht zu verstehen, selbst wenn die Abneigung gegen die östlichen Nachbarn noch vorhanden war, dass eine unabhängige Ukraine und ein unabhängiges Weißrussland einen strategischen Puffer bilden würden, der Polen vor Russland abschirmte, vor dem man sich immer noch fürchtete. Deshalb reichte es aus, dass sich die Polen einer gewissen Nostalgie und übrig gebliebener Ressentiments entledigten, damit sich das Verhältnis zu den direkten östlichen Nachbarn grundlegend wandeln konnte.

Anders verhielt es sich und verhält es sich bis zu einem gewissen Grade immer noch in Deutschland. Die Möglichkeit, sich in den Vertriebenenverbänden zu organisieren, hatte zur Folge, dass die Erinnerung an den Osten und die damit verbundene Nostalgie intensiv gepflegt werden konnten. Dafür wurden institutionelle, rechtliche und finanzielle Grundlagen gelegt. Und das Bewusstsein des endgültigen Verlustes dieser Gebiete musste sich in dieser Situation viel langsamer Bahn brechen.

Im Hintergrund stehen noch schwerwiegendere Probleme wie etwa das Verhältnis zu Russland. Polen fürchtete Russland, deshalb sieht es unter anderem Vorteile in guten Beziehungen zur Ukraine und zu Weißrussland. Die Deutschen sehen in Russland ihren Partner und sind geneigt, die Bedeutung der zwischen Berlin und Moskau liegenden Länder zu übersehen. Das Paradigma der deutschen Sicht auf Polen könnte sich nur dann verändern, wenn sich die Wahrnehmung des gesamten Ostteils Europas ändern würde. Dies jedoch erweist sich in Deutschland immer noch als sehr schwierig. [26] Und eben diesen breiten Kontext muss berücksichtigen, wer ernsthaft nach der Erinnerung an Preußen in den deutsch-polnischen Beziehungen fragen will.

Die Geopolitik und das imaginäre Preußen

Auffällig ist vor allem, dass nach 1989 auf der Suche nach einem besseren Bild von der weiter zurückliegenden Vergangenheit in den deutsch-polnischen Beziehungen ein Beispiel aus dem polnisch-sächsischen Bereich ausgewählt wurde. Nebenbei bemerkt war es unmöglich, Beispiele aus den polnisch-gesamtdeutschen Beziehungen zu finden (es sei denn, aus dem tiefsten Mittelalter, wie etwa, als man auf das Gnesener Treffen aus dem Jahr 1000 Bezug nahm), denn Deutschland als Ganzes besitzt, im Vergleich zu Polen, nur eine relativ kurze Tradition staatlicher Einheit. Die sächsischen Wettiner eigneten sich als polnische Könige hervorragend als historisches Medium der deutsch-polnischen Versöhnung. Eine Einigung beim schwierigen Thema Preußen wäre indes wohl wesentlich wichtiger gewesen. Dieses Thema blieb jedoch für beide Seiten im Hintergrund.

Die Geschichte Preußens müsste man somit unter Verlust verbuchen, als Material für die deutsch-polnische Verständigung und Versöhnung. Wenn sogar die Deutschen mit ihrer verdächtigen Nostalgie nicht umgehen können und die Polen ihre Art der Vergangenheitsbewältigung nicht unbedingt mit der Erinnerung an Preußen selbst verknüpfen wollen, dann könnte man daraus den Schluss ziehen, dass wir Preußen nicht mehr brauchen, zumal es ja nicht mehr existiert. Dies wäre jedoch ein voreiliger Schluss, der auch kaum in die Praxis umzusetzen wäre. Denn die Vergangenheit kommt als Erinnerung immer wieder von neuem hoch.

Die polnischen Territorialgewinne nach dem Zweiten Weltkrieg und der Verlust des Ostens bedeuteten eine überaus schwerwiegende Verschiebung des territorialen Schwerpunktes nach Westen. Das war ein historisches Paradox, denn politisch verschob sich das in den Ostblock gezwungene Polen weiter nach Osten. Doch auf einer tieferen strategischen Ebene hat sich die geopolitische Position Polens grundsätzlich geändert und dies keineswegs zum Nachteil, wie erst das Jahr 1989 und die nachfolgenden Jahrzehnte offenbart haben. Polen hat aufgehört, zwischen Russland und Deutschland zu liegen, obwohl sich die gesellschaftliche Wahrnehmung dieser Tatsache in Polen selbst nur ganz allmählich ändert, was im Hinblick auf die Trägheit des kollektiven Bewusstseins verständlich ist.

Es geht jedoch nicht nur um die Veränderung der geopolitischen Lage Polens. Die Westverschiebung Polens ermöglicht auch die Herausbildung einer eigenen ukrainischen, weißrussischen und litauischen Staatlichkeit. Die Prozesse der Nationenbildung, die im 19. Jahrhundert durch die Grenzen der Großreiche blockiert oder im 20. Jahrhundert teilweise aus deren Überresten entstanden (später war das wichtigste Hemmnis natürlich die Dominanz des russischen Kommunismus), konnten dank der neuen Grenzen, die mit der Westverschiebung Polens verbunden waren, erneut an Fahrt gewinnen.

Wenn die Rede ist von der neuen geopolitischen Lage Polens, muss zugleich auf die neue geopolitische Bedeutung ganz Mitteleuropas hingewiesen werden. Polen ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Teil des reichen Mosaiks, das diese Region darstellt. Mitteleuropa als Gebiet von bis zu einem gewissen Grade selbstständiger geopolitischer Bedeutung tauchte für kurze Zeit nach dem Ersten Weltkrieg auf, obwohl es fragil und zwischen die Großmächte gepresst war, die es zu dominieren strebten. Mit dem Hitler-Stalin-Pakt verschwand es für ein halbes Jahrhundert, seiner politischen Unabhängigkeit beraubt. Nach 1989 tauchte es wieder auf, diesmal jedoch unter Bedingungen, die eine wesentlich höhere Dauerhaftigkeit und Stabilität versprachen, als es in dem vorherigen stürmischen Zeitabschnitt von 1918-1938/39 geben konnte.

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für diese Veränderung war die polnische Westverschiebung, doch kann man dies auch anders formulieren: Voraussetzung dieses Prozesses war das Verschwinden Preußens. Daher gewinnt die Überlegung, was Preußen gewesen ist, wenn wir Geschichte als politikbegleitenden Faktor verstehen wollen, ihr Gewicht. Es ist auch schwer vorstellbar, die Geschichte Europas ohne die Geschichte Preußens zu schreiben, selbst wenn dieses als politisches Gebilde nicht mehr existiert. Eine schlecht geordnete Erinnerung an Preußen kann indirekt noch zu vielen Spannungen und Konflikten beitragen. Deshalb ist es besser, grundsätzlich darüber nachzudenken, welche Erinnerung an Preußen wir brauchen, welches die deutsch-polnische Erinnerung an Preußen sein kann und inwiefern sie eine gemeinsame sein kann.

Im jetzigen Stadium der Diskussion kann man nur eingangs manche unabdingliche Frage stellen, auf die im Übrigen die Antwort in den meisten Fällen nur spekulativ sein kann. Die erste Frage lautet, ob Preußen sich eigenständig als Nationalstaat hätte herausbilden können. Ich glaube, dass ein „richtig“ verlaufender Modernisierungsprozess tatsächlich in Europa dazu geführt hätte. Eine spekulative Antwort kann negativ ausfallen. Es gibt viele solcher unausgeschöpfter Möglichkeiten. Zum Beispiel wurde das Stettiner Fürstentum von Bogusław, das dank der reichen Kultur des 16. Jahrhunderts dafür viele Voraussetzungen hatte, nicht zu einem baltischen Staat wie etwa Estland und Lettland, die vorher als ländlich geprägte Gemeinschaften scheinbar keine Voraussetzungen für eine stärkere eigene Identität besaßen. Preußen wiederum wurde zur Großmacht, aber nicht zu einem eigenständigen Nationalstaat. Ein Grund dafür war vielleicht das zu starke polnische Element innerhalb Preußens, das sich durch die polnischen Teilungen ausgedehnt hatte. Vielleicht war es gerade die unbewusste Angst vor dem Polnischen (Slawischen), die in Preußen antipolnische Gefühle freisetzte. Und ausgerechnet dieses auf seine Weise so aufgeklärte und moderne Preußen, das so viele Voraussetzungen für einen eigenständigen Nationalstaat besaß, sollte dann das viel größere Deutschland einigen.

Nichts weiter als ein lehrreicher Scherz könnte die Frage sein, ob Preußen nicht erstaunlicherweise die größten Chancen, ein Nationalstaat zu werden, innerhalb der Grenzen der DDR besessen hätte, wenn natürlich dieser Satellitenstaat nicht von Anfang so ein künstliches und überaus kurzlebiges Gebilde gewesen wäre. Dann hätten die Preußen nur die Sachsen beherrschen können.

Eine weitere wichtige Frage lautet, ob die Vergangenheit Preußens eher zur deutschen Geschichte gehört oder zur Geschichte Mitteleuropas. Preußen war ein faszinierendes Gebilde, das nicht nur an Deutschlands Grenze lag (das doch jahrhundertelang kein einheitlicher Staat wie Frankreich oder Polen war), sondern, was nicht vergessen werden sollte, immer im Grenzbereich des Deutschen blieb.

Und schließlich bleibt die Frage: Hat heute eine gewisse Gleichgültigkeit und Distanz in Deutschland gegenüber Polen nicht auch mit dem Verschwinden Preußens zu tun? Preußen liegt immer noch zwischen Polen und dem heutigen Deutschland als nicht gemeinsam genutzte Vergangenheit. Kann also die Erinnerung an Preußen eine Brücke sein im deutsch-polnischen Dialog? Und wie soll man diese Brücke bauen?

Die Überwindung der mit einer aller politischen Vernunft beraubten Geschichte verbundenen deutschen Komplexe muss vor allem die Deutschen selbst beschäftigen. Zum Teil geht es dabei um die Geschichte Preußens und die Ursachen für sein Verschwinden. So wie die polnischen Komplexe, die mit dem polnischen Opferstatus verbunden sind, auch von den Polen selbst überwunden werden müssen. Die Erinnerung an Preußen hat ihren wichtigen, wenngleich unterschiedlichen Platz in der kollektiven Psychologie beider Völker. Es ist schwierig, diese Komplexe loszuwerden, wenn man das Feindbild Preußen pflegt oder sich bemüht, Preußen zu vergessen, denn sein Erbe, in dessen Besitz man sich befindet, ist unbequem und schwierig.

Wenn das Thema Preußen eine Brücke zwischen Polen und Deutschen werden soll (wie es dies manchmal schon ist), muss Preußen neu erzählt werden. Ich bin überzeugt davon, dass die Antworten auf diese Fragen unser Verständnis für die Vergangenheit wesentlich bereichern uns helfen, uns zum Thema Preußen zu positionieren und zu verstehen, ob unsere gesellschaftliche Erinnerung nicht immer noch ein Gift enthält, das man erkennen muss, um sich von ihm zu befreien. Das sind Fragen, die für den deutsch-polnischen Dialog immer noch wichtig sind. Wir brauchen heute also nicht das Preußen, von dem Polen und Deutsche zwei völlig verschiedene Erzählversionen haben. Die eine Erzählung von der Hydra, die man glücklicherweise erwürgt hat und von der nur alte Postkarten für polnische Sammler geblieben sind – die andere von einem verlorenen Paradies, das zwar von Hitler besudelt wurde, an das man jedoch nostalgisch zurückdenkt, wenn man in etwas frühere und glücklichere Zeiten zurückgeht und etwa Theodor Fontane liest.

Ich glaube, dass die Möglichkeit einer Erzählung, die beiden Seiten helfen könnte, gerade in der Vorstellung steckt, dass die Geschichte Preußens völlig anders hätte verlaufen können. Gerade das imaginäre Preußen, an dessen Vergangenheit wir Fragen stellen, die unser Verständnis von der europäischen Geschichte, von Mitteleuropa und den deutsch-polnischen Beziehungen erweitert, kann heute für uns nützlich und hilfreich sein. Paradoxerweise sind es vor allem die Polen, die das materielle Erbe Preußens zu bewahren imstande sind. Aber je besser sie es bewahren, desto besser werden die deutsch-polnischen Beziehungen sein. Auf diese Weise ist die Erinnerung an Preußen zu einem wichtigen Faktor des europäischen Integrationsprozesses geworden.

Aus dem Polnischen von Ulrich Heiße


[1] Kazimierz Brakoniecki: Polak, Niemiec i Pan Bóg [Pole, Deutscher und Herrgott].  S.97.

[2] Michał Bobrzyński, Dzieje Polski w zarysie [Polnische Geschichte im Abriss]. Warschau 1986, S.315-316.

[3] Orłowski (1998) Hubert: Polnische Wirtschaft. Nowoczesny niemiecki dyskurs o Polsce [Polnische Wirtschaft. Der moderne deutsche Diskurs über Polen].

[4] siehe auch: Izabela Surynt: Postęp, kultura i kolonializm. Polska a niemiecki projekt europejskiego Wschodu w dyskursach publicznych XIX wieku [Fortschritt, Kultur und Kolonialismus. Polen und das deutsche Projekt des europäischen Ostens in öffentlichen Diskursen des 19. Jahrhunderts]. Breslau 2006.

[5] siehe: Milan Hroch: Małe narody Europy [Kleine Völker Europas].

[6] Auch der polnische Publizist und Pionier der deutsch-polnischen Versöhnung Stanisław Stomma, der stark vom Denken Roman Dmowskis beeinflusst war, bemerkte die Vieldeutigkeit von Naumanns Mitteleuropa-Konzept. Siehe seine Arbeit „Czy determinizm wrogości?” [Ist die Feindschaft vorherbestimmt?]

[7] Kazimiera Dulewicz: Z Pamiętnika pierwszego burmistrza Darłowa Stanisława Dulewicza [Aus dem Tagebuch des ersten Bürgermeisters von Darłowo, Stanisław Dulewicz]. Darłowo 2003

[8] Wobec zniewoleń „krótkiego stulecia”. Szkice o literaturze austriackiej i niemieckiej [Angesichts der Unterjochungen eines „kurzen Jahrhunderts”. Skizzen über die österreichische und deutsche Literatur]. Hrsg. von Edwarda Białka. Nachwort von Wojciech Kunicki, Oficyna Wydawnictwa Witold Poddworny ATUT, Breslau 1997.

[9] Der Pakt wird in der polnischen Fachliteratur gewöhnlich Ribbentrop-Molotow-Pakt genannt. Diese Bezeichnung erscheint mir nicht glücklich. Die beiden Außenminister unterzeichneten diesen verbrecherischen Vertrag, waren jedoch ganz sicher nicht seine Initiatoren. Urheber waren vielmehr die beiden skrupellosen Tyrannen Hitler und Stalin.

[10] Vielleicht kann man im Werk von Johannes Bobrowski den Versuch einer tieferen Reflexion über dieses Thema entdecken. Seine Konzeption von „Sarmatien”, die aus nachvollziehbaren Gründen wegen der staatlichen Zensur nicht weiter entwickelt werden konnte, enthält viele faszinierende und vielschichtige Motive.

[11] Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch eine weitere Arbeit dieses außergewöhnlich interessanten Historikers, die mit dem hier behandelten Thema direkt zusammenhängt: Polacy i Niemcy wobec siebie. Postawy-opinie-stereotypy (1697-1815) [Polen und Deutsche übereinander. Einstellungen-Meinungen-Stereotype (1697-1815)]

[12] Mir geht es hier um einen Artikel des BdV-Präsidiumsmitglieds Arnold Tölg, der 1934 in Königswalde (heute Swierki bei Nowa Ruda) geboren wurde. Außerdem ist er BdV-Vorsitzender in Baden-Württemberg. Diese interessanten historischen Ausführungen stehen in seinem Artikel für eine Vertriebenenzeitung (Arnold Tölg: Historischer Kontext, in: Pommersche Zeitung, 29.08.2009). Nach seinem Beitritt zur Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ entdeckten Journalisten den Artikel, aber die BdV-Vorsitzende  Erika Steinbach verteidigte seine Nominierung. Vgl. auch Joachim Käppner: Polen-Krieg war lange geplant. Revanchistische Ansicht von Vertriebenen-Chef Tölg widerspricht der Forschung, in: Süddeutsche Zeitung, 10.09.2010.

[13] Dem deutschen Leser, der sich für die eminent wichtige Rolle des polnischen Exils nach 1945 interessiert, sei empfohlen: Basil Kerski: Die polnische Emigration und Europa 1945-1990, Fibre Verlag 2000.

[14] In Deutschland ist das Essay von Jan Józef Lipski vor allem wegen seiner Bezüge zum deutsch-polnischen Dialog bekannt. Der herausragende Intellektuelle behandelte in ihm jedoch das Verhältnis Polens zu allen seinen Nachbarn.

[15] Ingrid Mittenzwei: The Unwelcome Heritage. Prussia und the GDR in: The Prussian YearBook. An Almanac. Berlin 2001

[16] „Polak, Niemiec i Pan Bóg” S.56-57.

[17] Den Status des „Vertriebenen” kann man in Deutschland rechtlich erben, was in Polen nicht verwundert. Es erinnert an den Status des Veteranen in Sowjetrussland, wo man Veteran werden konnte, wenn man bereits lange nach dem Krieg in einer Militäreinheit diente, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte.

[18] Die Entwicklung der Milieus der „Vertriebenen” behandelt kritisch und eingehend die Doktorarbeit von Tobias Weger „Der fortgesetzte Volkstumskampf. Sudetendeutsche Organisationen 1945-1955 (Die Deutschen und das östliche Europa Bd.2  Frankfurt am Main 2006”.

[19] Deutscher Geist und ständische Freiheit im Weichselland (1940) Bearbeitung d. Dokumentation: Vertreibung der Deutschen aus Ost- Mitteleuropa (1953–1961)

[20]  Niepełny alfabet pamięci. Prusy wschodnie w niemieckiej literaturze powojennej [Das unvollständige Alphabet des Gedächtnisses]. In: Hubert Orłowski: Zrozumieć świat. Szkice o literaturze i kulturze niemieckiej XX wieku.

[21] Ein interessantes Beispiel liefert das vor nicht so langer Zeit herausgegebene, und daher teilweise aktuelle Einstellungen wiedergebende Buch von Anita Buchheim. Die Autorin, eine ehemalige Einwohnerin von Rügenwalde/Darłowo beschreibt eigene dramatische Kriegs- und Nachkriegserlebnisse. Anita Buchheim: Blondinen wurden aussortiert. Rügenwalder Briefe. UND-Verlag 2006.

[22] S.260.

[23] Das Fehlen eines entsprechenden Zugangs zum Thema und des wissenschaftlichen Handwerkszeugs kann bei einer BdV-Funktionärin nicht überraschen. Das nationalistische Residuum, das diese Organisation bildet, die zahlreichen Ex-Nazis, die in ihr aktiv waren, zusammen mit einer Präsidentin, die als Kind im Haus eines vertriebenen Polen wohnte und sich ohne Skrupel als Vertriebene präsentiert, lässt nicht viel hoffen. Wesentlich trauriger ist, dass jenen Mangel an Wissen und Einfühlungsvermögen auch viele Umsiedler aufweisen, die gute Beziehungen mit Polen haben und die die polnischen Bewohner der ehemaligen deutschen Gebiete geneigt sind, als ihre Landsleute anzusehen.

[24]  Berechtigt wäre natürlich die allgemeinere Frage nach einem veränderten Verhältnis der Deutschen auch zur Ukraine, Weißrussland, Litauen oder auch Russland unter dem Einfluss des Verlustes der Ostgebiete.

[25] Eine Literatur, die diese Ähnlichkeit beschreiben würde, existiert praktisch nicht. Im Hintergrund berührt wird sie in dem Buch von Philipp Ther.

[26] Etwas ausführlicher habe ich diese Fragen behandelt in meinem Referat „Zweierlei Reaktionen auf den Verlust der Ostgebiete. Anmerkungen eines Historikers” auf der internationalen Konferenz  „Europa neu zusammensetzen. Die Rekonstruktion der Oder als ein europäischer Kulturraum”, Frankfurt (Oder) 27.-30. April 2006.

Skomentuj

Wprowadź swoje dane lub kliknij jedną z tych ikon, aby się zalogować:

Logo WordPress.com

Komentujesz korzystając z konta WordPress.com. Wyloguj / Zmień )

Zdjęcie z Twittera

Komentujesz korzystając z konta Twitter. Wyloguj / Zmień )

Facebook photo

Komentujesz korzystając z konta Facebook. Wyloguj / Zmień )

Google+ photo

Komentujesz korzystając z konta Google+. Wyloguj / Zmień )

Connecting to %s