Zwei Blicke auf Rußland: Der des Historikers und der des Politologen

Die Bewertungen von Putins Vorgehen sind völlig unterschiedlich. Die Einen sehen in seiner Politik eine unbändige Kraft, die Annexion der Krim sehen sie als seinen Erfolg und der Krieg, den er der Ukraine in der Donbass-Region erklärt hat, wird nach dieser Lesart für ihn als Erfolg enden. Die Anderen sehen, ganz im Gegenteil, die aggressive Politik des Kreml als Ausdruck seiner Schwäche und als Ursache wie Beschleunigung des Zerfalls der Rußländischen Föderation an.

Beide Seiten können auf Argumente verweisen. Analogien mit dem Vorgehen Stalins oder Hitlers aus der Zeit, als diese Siege davontrugen (München 1938, die territorialen Annexionen Stalins im Jahr 1939) drängen sich geradezu auf. Die aggressive Propaganda, voller Verdrehungen und Lügen, die dabei aber ganz ausgezeichnet das historische Unwissen ihrer Adressaten ausnutzt, erinnert auch an die Zeit, als die kommunistische Ideologie eine Masse von Anhängern gewann.

Die Erfahrung mindestens der letzten zweihundert Jahre lehrt auch vom ununterbrochenen Wachsen der rußländischen Macht. Selbst wenn es Krisenmomente durchlebt, ist es in der Lage, diese zu überwinden. Rußland, als Zarenreich, scheint unvermeidlich zu Grunde zu gehen, doch wird es als Sowjetrußland wiedergeboren. Es beugt sich unter der Wucht des Dritten Reiches und erringt letztlich den Sieg über dieses. Es ist das erste Land das beginnt den Kosmos zu erobern und beherrscht die Hälfte der Erde. Die Jahre 1989-91 bedeuten für Rußland eine Niederlage aber die Vorhersage seiner Wiedergeburt erscheint dem Historiker vor dem Hintergrund der bisherigen Erfahrungen mehr als wahrscheinlich. Als Putin also etwas dementsprechendes ankündigt, scheint Rußland nicht auf verlorenem Posten zu sein, beruft er sich doch auf etwas, was schon viele Male in der Vergangenheit passiert ist.

Es sollte beachtet werden, dass die Berater Putins ebenfalls Historiker sind, wenn man auch hinzufügen muss, dass es Historiker eines besonderen Typs sind. Zum einen lieben sie es mit Landkarten zu spielen und lassen sich von alten Karten inspirieren, aus Zeiten in denen Rußland ein Imperium mit praktisch unbegrenztem Einflußgebiet war. Dies dient als Anlaß um mit dem Finger über die Karte zu fahren und neue Grenzen zu ziehen. Zum Zweiten interessiert sie eher eine eigenartige Historiosophie als die Klärung von Fakten. Rußland soll sich in Eurasien verwandeln (von Kamtschatka bis Lissabon – wie die ehrgeizigsten Pläne besagen). Diese euroasiatische Idee soll die europäische Krise und Dekadenz überwinden. Und wiederum lässt das historische Denken die Vermutung zu, dass die absurdesten, unsinnigsten und sogar verbrecherischen Gedanken den Sieg davon tragen können. Die Entschlossenheit Putins weckt also einen eigentümlichen Respekt, wie er oft gegenüber großen Diktatoren auftritt, trotz der Befürchtungen, die diese wecken.

Völlig anders denkt ein Politologe über das zeitgenössische Rußland, der sich vor allem der Gegenwart widmet und für den die Historiographie nur eine Hilfswissenschaft ist. In seinen Augen schürt Putin einen Konflikt mit einem Gegner, der deutlich stärker ist als er. Er sieht, dass die russische Volkswirtschaft 15-18 mal kleiner ist als die Volkswirtschaften der ihr gegenüber stehenden Länder im Westen. Es ist auch eine in starkem Maße auf Rohstoffe gestützte Volkswirtschaft, abhängig vom Preis eines Produkts, nämlich Öl. Noch vor ein paar Jahren, als von der Erschöpfung der weltweiten Öl- und Gasvorräte die Rede war (die Diskussion über den „oil peak“) konnte eine Erpressung der ganzen Welt mit den eigenen Energiereserven als eine wirkungsvolle Waffe erscheinen. In der Epoche des Schiefergas ist das eine Illusion. Was bleibt ist eine Volkswirtschaft, die in Kürze Probleme haben wird, den Verpflichtungen gegenüber der in Rußland als immer stärker alternder Gesellschaft wachsenden Macht der Rentner nachzukommen.

Putin erscheint dem Politologen auch als fataler Schachspieler. Rußland ist geradezu ernsthaft geschwächt durch sein enormes Territorium, während es zusätzlich über das gewaltige Potential von Nuklearwaffen verfügt. Daher erscheint sein Zerfall auch für alle seine Nachbarn als gewaltiges Risiko, das mit der Frage verbunden ist, wer das Territorium und die unzähligen Raketen beherrschen kann. Selbst ein schwaches Rußland kann von allen Seiten gestützt werden, damit es nur nicht zerfällt und auf diese Weise eine Katastrophe hervorrufen würde. Der rußländische Koloss könnte, obwohl geschwächt, für lange Zeit das Spiel „Aufrechterhaltung des Gleichgewichts“ spielen.

Sobald aber Putin sich einer Seite zuwendet und gegenüber den anderen aggressiv wird, bleibt den anderen nur die Strategie des endgültigen Siegs über das Rußland Putins. Ein Moskau das sich den Chinesen zuwendet, muss, auch wenn es perspektivisch nur Vasall Chinas sein kann, Brüssel und um so mehr Washington den Gedanken nahe legen, dass man über ein irgendwie anderes, freundlicheres Rußland und über den Zerfall des Putin´schen Rußland nachdenken muss. Die globale Schachpartie, die Putin Dank eines chinesischen Gambit gewinnen möchte, kann nach Ansicht des Politologen, nicht mit dessen Sieg enden.

Der Politologe bezieht auch einen weiteren Faktor in seine Überlegungen ein. Putin kann seine Gegner mit der Drohung eines Atomkriegs erpressen. Der Historiker zieht eine solche Perspektive nicht in Betracht, weil dies aus seiner Sicht das Ende der Geschichte, nota bene ein extrem anderes als das von Fukuyama prognostizierte, bedeuten würde. Der Politologe hingegen sieht in Putin jemanden, der nicht Selbstmord verüben möchte und der diesen auch mit Sicherheit nicht als Massenmitnahmeselbstmord vorhat. Für den Historiker ist in Putin das Potential eines Dämonen gegeben, für den Politologen das eines Politikers, der ziemlich schwach kalkuliert. Die Herbeiführung eines Kriegs Rußlands mit der Ukraine ist schließlich so etwas wie ein Weltrekord der Unfähigkeit.

Es bleibt eine letzte Bemerkung. Das Vertrauen in die Politologen, die vor 1989-91 vor allem Sowjetologen waren, ist dadurch arg strapaziert worden, dass sie nicht in der Lage waren, das Auseinanderfallen des sowjetischen Blocks und in der Folge des sowjetischen Rußlands vorherzusehen. Meine Antwort auf diese Zweifel an den Politologen lautet, dass diese zu sehr den Historikern nachgegeben hatten. Natürlich weiß niemand, was geschehen wird und niemand ist Prophet aber den Untergang der Rußländischen Föderation für die nächste Dekade (sagen wir bis zum Jahr 2030) vorherzusehen, fällt Politologen leichter als Historikern.

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